Über Instagram habe ich zufällig erfahren, dass der dänische Künstler Eliasson seine laufende Mammut-Tour durch Asien im Land meiner Familie, den Philippinen, beendet. Aufregend! Fand ich jedenfalls; im Familienchat nahm man die Neuigkeit recht emotionslos zur Kenntnis, was nun auch keine Überraschung war: Museen sind auf den Philippinen noch mehr als in Deutschland eigentlich nur für im urbanen Bürgertum eine Selbstverständlichkeit. Trotzdem ist die Ausstellung ein Gewinn für den philippinschen Kulturbetrieb und hier eine gute Gelegenheit, den Künstler vorzustellen.
Olafur Eliasson ist allein schon deshalb Phänomen, weil seine Arbeit erstaunlich vielen besser bekannt ist als sein Name. Bei einem Tizian oder Gerhard Richter ist es ja oft umgekehrt: Den Künstler hat man parat, beim konkreten Werk wird es schon schwieriger. Bei Olafur ist es umgekehrt: Millenials dürften ihm erstmals zwischen 2014 und 2018 begegnet sein. Damals ließ er aus Grönland Jahrtausende altes Eis in europäische Städte verfrachtete und auf öffentlichen Plätzen prominent vor sich hinschmelzen. Wer früher geboren ist, erinnert sich möglicherweise an die hyperrealistische, fast schon apokalyptische Sonne, die er 2003 ins Londoner Tate holte, und die bis heute in der Google-Suche ganz oben rangiert („The weather project“).
Von dem Dänen isländischer Herkunft gibt es noch einiges mehr zu sehen. Seine bekanntesten Arbeiten werden seit Juli und noch bis November 2026 im Museum of Contemporary Art and Design in Manila (MCAD) ausgestellt. Die Wanderausstellung „Your Curious Journey“ hat Stationen in Asien und Ozeanien hinter sich. Auf den Philippinen, einem der am stärksten vom Klimawandel bedrohten Länder, endet die Reise. Gezeigt werden Kunstwerke aus drei Jahrzehnten, wobei viele vor dem Hintergrund der Klimakrise wohl so aktuell wie noch nie sind.
Wer es zum ersten Mal mit Olafur zu tun hat …
sollte eigentlich nicht mit einem Text über ihn beginnen. Seine Kunst funktioniert nämlich über das Erleben. Sie ist auf eine nicht-pathetische Art monumental und fast immer ein Zusammenspiel von Material (Glas, Spiegel, Metall etc.) und den Elementen (besonders häufig Licht, Wind und Wasser). Sie lebt davon, dass man sich vor, mit und manchmal sogar in ihr bewegt. Beim Hinschauen hilft, egal vor welchem Werk man steht, eine simple Frage: Was verändert sich, wenn ich mich bewege?
Dadurch, dass man häufig selbst Teil der Kunst ist, entsteht der wunderbare Effekt, dass man sich als Erwachsener vorkommt wie ein Kind auf dem Spielplatz. Man läuft im Kreis, blickt nach oben oder entdeckt im Spiegel plötzlich sich selbst. Eliasson verlangt von niemandem, besonders kunstbewandert zu sein – es genügt die Neugier, um ihn zu begreifen.
Weltweit gibt es leider keine dauerhafte Ausstellung, die einen umfassenden Einblick in Eliassons Arbeit bietet. Stattdessen kann man sie in temporären Ausstellungen und an einzelnen dauerhaft installierten Werken im öffentlichen Raum kennenlernen.
Eliasson kennenlernen. Aber wo (in Deutschland) anfangen?
Ein guter Startpunkte ist Berlin, wo der Künstler lebt und seit 1995 im Studio Olafur Eliasson (Christinenstraße 18-19 in Pankow) arbeitet. Mit Künstlern, Architekten, Handwerkern, Forschern und Technikern entstehen dort Installationen, Skulpturen, Fotografien, Filmen und Malerei. Führungen oder Ausstellungen werden nicht angeboten; allerdings kooperiert das Studio regelmäßig mit der Galerie „neugerriemschneider“ (bei Interesse regelmäßig nach Terminen ausschau halten). Ein öffentliches Werk befindet sich an der Reichpietschufer 20: Die Einzelteile der Windspiegelwand reagieren auf jede kleine Windböe, reflektieren also je nach den Windverhältnissen permanent ein neues Bild der Umgebung.
Der Hamburger Bahnhof (Nationalgalerie der Gegenwart, Invalidenstaße 50) besitzt einige Werke und zeigt sie in wechselnden Präsentationen. Auch hier gibt es keine Garantie, dass ein bestimmtes Werk ständig zu sehen ist; das Museum bleibt aber einer der wichtigsten Orte für Eliassons Kunst in Deutschland. Nächste sichere Gelegenheit ist ab dem 9. Oktober 2026 (und sogar bis auf Weiteres) in der Gruppenausstellung „Next Door“: „Olafur Eliasson übersetzt Audiowellen in visuelle Phänomene, indem sich überblendende Lichtkreise auf eine Klangkomposition reagieren“, kündigen die Staatlichen Museen zu Berlin schonmal an.
Ins echte Hamburg lohnt sich, zumindest für Eliasson-Suchende, keine eigene Reise. Wen es aber doch mal dorthin verschlägt, findet seine Spuren direkt am Alten Rathaus: Dort stehen auf Stelzen zwei Metallskulpturen, die im Innern hohl und verspiegelt sind, sodass man sich unter bzw. in den Raum hineinstellen kann. Interpretationsmöglichkeiten speziell zu diesem Kunstwerk hat der wunderbare Kunstblog „musermeku“ hier zusammengefasst.
Eliasson in der Münchner Innenstadt
Eine besonders geeignete Stadt, um Eliasson gratis und in der Öffentlichkeit zu begegnen, ist München. Eine Übersicht aller fünf Standorte gibt es auf der Website „Einfach München“. Persönlichen Empfehlungen sind die Glas-Installation „Wirbelwerk“ im Foyer des neuen Lenbachhauses (bei der es ähnlich wie in Berlin um die Reflexion der Umgebung geht) und die unendliche Wendeltreppe im Hof von KPMG in der Ganghoferstraße 29. Einziges Problem hier: So richtig gut gelegen ist sie auf dem klassischen Münchner Touristenpfad nicht; dorthin muss man sich verlaufen oder gezielt anreisen. Die Treppe ist den Zeichnugnen von Escher und Penrose nachempfunden und in ihrer Sinnlosigkeit wahnsinnig elegant.
Ein Kunstwerk, dessen Original nicht mehr ausgestellt werden kann, ist das eingangs erwähnte „Ice Watch“. Die Installation wanderte von Kopenhagen (2014) im Jahr darauf nach Paris. Vollends erledigt war die Kunstaktion – eben dieses Verschwinden – dann in London zum Jahreswechsel von 2018 auf 2019. Dagegen erwies sich ausgerechnet das Begleitmaterial aus bloßen Pixeln, icewatchparis.com, ironischerweise als deutlich langlebiger. So viel zum Thema Vergänglichkeit für heute.
Vorschaubild: Die Spiegelwand in Berlin Tiergarten-Mitte. Foto: Membeth/Wiki Commons
