Was haben Stevie Wonder, Marvin Gaye, Lionel Richie, The Temptations, The Jackson 5 und Joy Denalane gemeinsam? Sie waren oder sind allesamt sehr erfolgreiche Sängerinnen, Sänger und Gruppen. Und sie nahmen unter dem US-amerikanischen Plattenlabel Motown, deren Liste an erfolgreichen Künstlerinnen und Künstler fast unendlich scheint, erfolgreiche Alben auf. Diese Zusammenarbeit erscheint bei den meisten der genannten Künstler wenig verwunderlich, betrachtet man deren Musikgenre und deren Herkunft – die USA.
Während Joy Denalane aber nicht nur die einzige Frau in dieser Aufzählung ist, ist sie auch die einzige Deutsche. Das Soul-Label Motown hat zwar vereinzelt auch Künstlerinnen und Künstler aus Ländern wie Kanada und Großbritannien unter Vertrag genommen, mit „Let Yourself Be Loved“ erschien 2020 allerdings das erste Motown-Album einer Deutschen. Für ein Soul-Label wie es die ursprünglich aus Detroit stammende Plattenfirma nun mal ist, ist es jedoch wenig verwunderlich, dass ausgerechnet der Soul-Queen Joy diese Ehre zuteilwurde. Dabei hätte es bei Joy Maureen Denalane, wie sie mit vollen Namen heißt, in ihren frühen 20er-Jahren leicht in eine deutlich poppigere Richtung gehen können, hätte sie nicht ihre Frau gestanden.
Deutsche Soul-Queen bei Motown
Ich selbst bin ein großer Motown- und Joy-Denalane-Fan. Für mich war es also klar, dass ich „Let Yourself Be Loved“ kaufen werde. Letztlich wurde ich nicht enttäuscht und trotzdem überrascht. Schon vom ersten Song an, „Wounded Love“, hört man den klassischen Motown-Sound der 1960er- und 1970er-Jahre. Arrangiert und produziert hat die Platte Roberto Di Gioia, ein deutsch-italienischer Jazz-Pianist, und auch diese Einflüsse hört man dem Album an. Denalane selbst war leitende Produzentin. Auch hier bewies sie wieder Gespür für ihre eigene Stimme und ihren Stil. „Let Yourself Be Loved“ wurde zunächst in der oberbayerischen Gemeinde Unterföhring aufgenommen. Denalane sagte gegenüber dem Podcast „Halbe Katoffl„: Der Gedanke sei gewesen, dass die Platte ihr und Di Gioia gefallen müsse. Es sei nicht um Verkaufszahlen, mögliches Publikum oder etwa das Plattenlabel Motown gegangen.
Sie erzählt noch weiter: Letztlich sei von Motown jahrelang gar nie die Rede gewesen. Das hätte sich Denalane nie auch nur erträumt. Seit 2015 arbeitete sie an dem Album und als es fertiggestellt war, stellte sie es ihrem bisherigen Label Universal Music Group (UMG) vor. Einer der Mitarbeiter schlug vor, bei seinem Trip in die USA das Album auch Motown zu präsentieren. „Klar, mach mal“, soll sie sich gedacht haben, „das war so absurd“. Doch war es kein Scherz, der Mitarbeiter kam schließlich mit den Worten wieder: „Sie lieben es!“ Im „Halbe Katoffl“-Podcast mit Frank Joung beschreibt sie diesen Moment: „Ich war total stolz und fand es unglaublich.“
Der Erfolg kommt allerdings nicht von ungefähr. Die heute 53-Jährige weiß, wie ihre Stimme glänzt und was sie möchte, hat sie doch mehr als 30 Jahre Erfahrung im Musik-Business. Dieses In-sich-ruhen und Seine-Stärken-kennen zeigt sich etwa in „Let Yourself Be Loved“. Wahrscheinlich stammt Joys Selbstbewusstsein auch von ihrer Familiengeschichte. Denalane ist eines von sechs Kindern. Ihr Vater stammt aus Johannisberg, Südafrika, und ihre Mutter aus Heidelberg, wo sich ihre Eltern kennenlernten. Sie ist das dritte Kind und das erste Mädchen, was ein Grund für die Namensgebung (Joy, Freude) war.
Sechs Kinder und ein schwarzer Vater. Alltagsrassismus war und ist für die Sängerin ein ständiger Begleiter. Während sie beispielsweise in einer, wie sie sagt, gastfreundlichen Familie groß wurde, beschreibt sie in der VOX-Sendung „Sing meinen Song” ihre Erfahrungen mit Rassismus in Deutschland, aber auch im Heimatland ihres Vaters. Ihre Eltern konnten als weiß-schwarzes Paar nie gemeinsam nach Südafrika reisen, erzählt sie. Und sie selbst musste vor allem als Kind ihr Selbstbewusstsein erarbeiten. Als schwarzes Mädchen konnte sie nicht wie so manch weißes einfach frech sein. Sie habe Leistung erbringen müssen, um sich dieses „Privileg“ zu erarbeiten.

Vielleicht ist Joy Denalane deswegen eine so gute Sängerin geworden. Ihre Stimme ist weich und zugleich kraftvoll. Ich durfte sie einmal live in Reutlingen erleben, wo sie einige Stücke von „Let Yourself Be Loved” präsentierte, und habe dabei gerade gesanglich eine unglaubliche Kontrolle erlebt, ohne dabei das Emotionale zu vergessen. Das macht Denalane mitunter als Künstlerin aus und das hört man auch auf dieser Platte. Gegenüber UMG sagte sie: „Ich wollte ein ganz klassisches Soul-Album machen“. Beeinflusst wurde sie dabei unter anderem von der Musiksammlung ihres Vaters. Sie wuchs mit Soul, Jazz und Funk auf und durch ihre älteren Brüder schließlich auch mit R’n’B.
Vergleich mit Aretha Franklin und Marvin Gaye
Stilistisch geht es bei diesem Album ins Jahr 1973. Etwa in dieser Zeit sind beispielsweise Songs wie „What’s Going On“ von Marvin Gaye, „Spirit in the Dark“ von Aretha Franklin und „Superfly“ von Curtis Mayfield aus dem gleichnamigen Album sowie Stevie Wonders Album „Songs in the Key of Life“ entstanden. Diese Künstlerin und Künstler nenne ich nicht von ungefähr. In Denalanes Album zeigen sich Einflüsse Gayes‘ Musik. Da wären die warmen Arrangements, die man von „What’s going on” oder „Sexual Healing” kennt. Besonders „The Ride” von Denalane hat diese Sinnlichkeit. Allein der Text: „Hey Baby I really like you honey”.
Der Vergleich mit Aretha Franklin ergibt sich vielleicht schon allein des Geschlechtes willens, doch ähnlich wie Franklin zeigt Denalane eine Vielfalt in ihrer Stimme. Mal fast flüsternd bis hin zu kraftvollen Tönen ist alles dabei. Zudem zeigen sich beispielsweise in „Put in the Work” Gospel-Einflüsse, die es bei Aretha Franklin ebenfalls gab. Eine der großen Überraschungen für mich ist „I Gotta Know”. Nicht etwa, weil es eine der wenigen schnelleren, kraftvollen Songs aus diesem Album ist, sondern weil es damit auch eines meiner Lieblingslieder wurde. Eigentlich mag ich Joys sanfteren, sinnlicheren Songs. Hier aber zeigt sie sich kämpferisch, möchte endlich Klarheit. Es erinnert an Aretha Franklins „Think” und „Respect“, zwei meiner absoluten Lieblingslieder seit ich den Film „Blues Brothers” kenne.
Let Yourself Be Loved: Empfehlung für Soul-Fans
Thematisch geht es in „Let Yourself Be Loved”, wie könnte es anders sein, um Liebe. Mehr als 40 Mal kommt in Titeln und Texten, die alle von Joy geschrieben wurden, das Wort Liebe vor. Es handelt sich aber nicht immer um romantische Gefühle, sondern auch um Selbstliebe, Identität, Rassismus, Familie und Freundschaft. Joy selbst sagte dem „Rolling Stone”: „Dieses Album ist eher klassisches Songwriting mit einer Instrumentierung, die ein Gewand hat, das nicht aus dem Hier und Jetzt stammt – also einen retroesken Ansatz hat.”
Dabei möchte die Sängerin mit ihrem Werk auch eine Art Botschaft setzen: In einer von Leistung getriebenen Welt vergessen wir schnell den eigenen Wert oder fühlen uns nicht liebenswert. Getreu dem Titel „Let Yourself Be Loved” möchte Joy Denalane daran erinnern, Liebe in jeder Form wieder zuzulassen. Moderne Themen also im Mantel vergangener Zeiten. Eine absolute Empfehlung für Soul-Fans.

