„Leben zu verkaufen“ von Yukio Mishima: Irre aufregend dem Tod entgegen

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Das hier war meine beste Badewannenlektüre seit Jahren. Für die Wanne eignet sich ja weiß Gott nicht jede Geschichte – umso mehr macht dieser abgeranzte Noir-Glamour Spaß, wenn es draußen dunkel ist und man selbst in heißem Wasser gart. Zur Einstimmung empfehle ich außerdem dieses Reel auf Instagram (mit Ton!). Es hat zwar nichts mit dem Buch zu tun, transportiert aber für zwei Episoden der Geschichte genau die richtige Atmosphäre. Man darf dabei nur nicht vergessen, dass „Leben zu verkaufen“ im Tokio der späten 1960er spielt – damals tauchten Hochhäuser gerade erst auf, weshalb die Skyline von Gotham City im Reel definitiv nicht (!) als mentale Vorlage taugt. Und jetzt zum Roman.

Ein Leben kann man riskieren, retten, verlieren oder auch verschwenden. Verkaufen gehört nicht zu den gängigen Optionen. Der 27-jährige Hanio, ein attraktiver Werbetexter mit Allüren eines japanischen James Dean, sieht die Sache praktischer: Der Protagonist des Romans „Leben zu verkaufen“ versucht gleich auf den ersten Seiten, sich das Leben zu nehmen. Als ihm das nicht gelingt, kommt er alternativ, vermutlich seinem Metier geschuldet, auf die Idee einer Zeitungsannonce: Wer zahlt, darf über ihn verfügen. Interessenten finden sich schnell, und damit beginnt eine Geschichte, die zunächst noch wie ein typischer Kriminalroman wirkt.

Der durchgeknallte Einfallsreichtum des Autors führt den 27-jährigen Protagonisten dann aber von einem sonderbaren Auftrag zum nächsten – zu Gangstern und Auftragsmorden, zu Frauen, bei denen Zurückhaltung offensichtlich ratsam wäre, außerdem zu Diplomaten und Blutsaugern. Nach dem anfänglichen Flair eines Gangster- bzw. Noir-Krimis driftet der Pulp-Roman etwa ab der Hälfte für eine kurze Episode ins Fantastische, um sich dann nochmal zu einem Spionageroman zu entwickeln.

Jede Wendung ist spektakulär und hektisch, die Zeichnung der Figuren irgendwie billig – dadurch entsteht der Eindruck von kultigem Trash, unter dem unangenehme Fragen schlummern. Was macht ein Leben lebenswert? Ist ein Mensch noch frei, wenn andere über ihn verfügen? Was passiert, wenn einem das Leben nichts mehr bedeutet? Und, für Hanio keine rein philosophische Angelegenheit, was ist das Leben eigentlich wert?

Die Handlung ist in eine Gesellschaft eingebettet, deren Zeitgeist zumindest in der westlichen Hemisphäre wenig bekannt ist, und die beim Lesen neugierig macht: Japan war in den 1960ern ein Land, das sich innerhalb einer Generation radikal verändert hatte. Nach dem Krieg war eine moderne Wirtschaftsmacht entstanden, deren Wohlstand sich hauptsächlich in den Städten zeigte: Blinkende Werbung animierte zum Kauf von ungeahntem, elektrischem Schnickschnack wie Waschmaschinen und Kühlschränken, dazu kamen die neuen Formen der Unterhaltung, andere Mode, andere Autos. „Die Zeit bis 1973 kann – wie die zeitgleiche Entwicklung in Deutschland – als Japans Wiederaufbau- und Hochwachstumsphase bezeichnet werden“, schreibt Frederike Bosse, Generalsekretärin des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin.

Speziell 1968 war neben lauter tollen, neuen Sachen aber auch von heftiger Unruhe geprägt: An etlichen Universitäten riefen Studenten zum Boykott auf und kritisierten, dass man sie nicht zu selbstbestimmten Denkern und stattdessen zu reibungslosen Teilchen eines kapitalistischen Systems heranziehen wolle. Diese widersprüchliche Gegenwart nutzte Mishima als Stoff für Unterhaltung.

Ursprünglich im „Weekly Playboy“

Im Jahr der Veröffentlichung war der Autor 43 Jahre alt und bereits etablierter Schriftsteller. Neben Romanen schuf er Theaterstücke, Essays, Erzählungen und vieles, was schlicht Geld einbrachte. Mishimas hinterlassenes Werk reicht daher von anspruchsvoller Lektüre bis zu unterhaltsamen Geschichten für günstige Heftchen, so der Literaturwissenschaftler Sascha Seiler (literaturkritik.de).

Im Wiki-Artikel zum Roman kann man nachlesen, dass „Leben zu verkaufen“ als Fortsetzungsroman für den japanischen „Weekly Playboy“ erschien (der übrigens eine eigenständige Publikation und keine Ausgabe des amerikanischen Playboy war). Gedacht war die Story also zunächst einmal als Entertainment für lesende Männer mit Interesse an Lifestyle und Brüsten, was auch der Grund sein dürfte, weshalb sich dieser Roman auch rein oberflächlich lesen lässt und Frauen meist als erotische Fallen auftauchen. Das hohe Tempo der Handlung erzeugt der Autor auch atmosphärsch durch die nüchterne, absolut schnörkellose Sprache.

Lethargie durch Übersättigung

Unter dem ganzen Pulp stecken neben den erwähnten, existenziellen Fragen auch Gedanken zum Nihilismus. Während die Eltern der jungen Japaner noch Armut erlebt hatten, waren für sie selbst Karriere und materieller Wohlstand realistische Lebensziele. Nüchtern betrachtet war diese Generation nicht mit neuen Problemen, sondern allenfalls mit Problemchen konfrontiert – nichtsdestotrotz solchen, die eine eigenwillige Form der Depression auslösen können (in der Literatur bereits vielfach als „Ennui“ verarbeitet).

Diese Leere herrscht in Hanio, der alles hat, dem nichts bedeutet, und der (zumindest über eine lange Strecke hinweg) den abgebrüht-lässigen, jungen Mann gibt. Doch Hanios Nihilismus hat durchaus Grenzen, die sichtbar werden, sobald er anderen freie Hand lässt: Was eben noch verkauft werden sollte, wird auf einmal kostbar.

Dass der Held lebensmüde ist, muss und kann man nicht gleich als Hinweis auf Mishimas eigenes Ende verstehen. Wegen seines spektakulären Selbstmordes (Seppuku; Wikipedia hilft) nur zwei Jahre nach der Erscheinung ist man als Leser aber trotzdem zur Spekulation geneigt, wie viel vom Autor im Werbetexter steckt. Ein entscheidender Unterschied besteht darin, dass Mishima – ein eingefleischter Nationalist des alten Japans – aus politischer Überzeugung in den Tod ging (ob darüber hinaus noch andere Motive eine Rolle spielten, müsste man den Betroffenen fragen). Kurz zuvor, am 25. November 1970, hatte er mit einigen Anhängern erfolglos zu putschen versucht, um die kaiserliche Ordnung wiederherzustellen.

Seit ein paar Jahren wird Yukio Mishima nicht nur im eigenen Land, sondern auch im Ausland wiederentdeckt, wobei in den Sozialen Medien „Leben zu verkaufen“ besonders populär ist. Auf Deutsch ist die Geschichte des lebensverneinenden Werbetexters im Schweizer Verlag Kein & Aber erschienen.

Kein & Aber (2023), 240 Seiten. Übersetzt von Nora Bierich.

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