Der Himmel ist endlos, die Landschaft weit, das Innenleben der Bewohner seltsam karg: Annie Proulx schickte ihre Leser 1997 in die Weite von Wyoming, wo keine schneidigen Marlboro-Quarzer warten, sondern emotional verkorkste Cowboys. Titelgebend für die neuen Ausgaben des Kurzgeschichtenbands „Close Range“ wurde nach Ang Lees erfolgreicher Verfilmung (2005) „Brokeback Mountain“. Diese prominenteste Geschichte ist aber kein positiver Ausreißer, sondern fügt sich fast unauffällig in die zehn anderen Erzählungen ein: Alle beschreiben einen weitgehend isolierten Landstrich, der seine Menschen unweigerlich geformt hat. Gefühle werden unter ihnen so sparsam dosiert, dass zwischen Zuneigung und Härte ohne Weiteres Verwechslungsgefahr besteht.
Proulxs Geschichten kreisen um Farmer und Viehzüchter, Tagelöhner und Außenseiter. Jede ist abgeschlossen und weder durch wiederkehrende Figuren noch durch eine fortlaufende Handlung mit den anderen verbunden. Einziger roter Faden ist neben dem Handlungsort ein traditionelles Männlichkeitsideal, das allen Beteiligten das Leben schwer macht.
Annie Proulx wurde 1935 in Connecticut geboren und zählt in den USA zu den bekanntesten Stimmen der Gegenwartsliteratur. Mehrere Jahre lebte die Pulitzer-Preisträgerin am Medicine Bow Range, einem Bergmassiv im Bundesstaat Wyoming. Dort sammelte sie Eindrücke, die in ihre Geschichten, angesiedelt zwischen den 1940er- und 90er-Jahren, einflossen. Den Mittleren Westen hat sie dabei nicht verklärt und stattdessen die soziale Realität der Bewohner erzählt. Was sich erschreckend liest und gleich mehrmals die Frage aufwirft, wo hier die Literatur aufhört und das Leben anfängt.
Wer „Close Range“ liest, findet sich am Fuße der Rocky Mountains wieder, zwischen grünen Tälern, Flüssen und trockenen Hochebenen. Man begreift schnell: Die Landschaft existiert nicht einfach nur im Hintergrund und bestimmt, wie die Leute leben. Häufig genug ist sie auch die einzige Zeugin dessen, was draußen im hohen Gras oder zwischen zwei Sätzen in einem Gespräch geschieht. Die Geschichten werden aus Perspektive der Figuren erzählt; man erlebt ihre Wahrnehmung – allerdings dermaßen distanziert, dass man manchmal meint, es nun doch mit einem außenstehenden Erzähler zu tun zu haben. Der sprachliche Stil ist reduziert und knapp und gleichzeitig poetisch, weil Proulx offensichtlich Wert auf den sprachlichen Rhythmus legt.
Auf der Handlungsebene lässt sich nach den ersten Geschichten ebenfalls ein deutliches Muster erkennen: Liebe, Sehnsucht und Enttäuschung haben bei Proulx kein gutes Ende. Gewalt gehört zum Alltag, angefangen bei Zügelstriemen an den Händen über sexuellen Missbrauch bis zum Schweigen danach. Am bedrückendsten ist das Letzte.
btb Verlag, 368 Seiten. Übersetzung: Oskar Halbsattel
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