Wie es der Zufall wollte, habe ich Yuzukis Roman um die Weihnachtszeit gelesen und ich kann nur sagen: Nie zuvor habe ich so intensiv die Butter aus den Plätzchen geschmeckt. Obwohl es in diesem Roman hauptsächlich um den Erwartungsdruck auf Frauen geht, lehrt er so ganz nebenbei, wie man vernünftig isst. Ausgangspunkt ist dabei ein echter Kriminalfall aus Japan.
Im Sommer 2007 meldet sich Kanae Kijima, damals 37, auf einer seriösen Heiratsplattform an. Sie lernt mehrere Männer kennen, von denen mindestens drei zwischen 2007 und 2009 sterben. Eine weitere Gemeinsamkeit der Opfer besteht darin, dass sie vor ihrem Tod offenbar alle von Kijima hervorragend bekocht wurden.
Dieser Fall beherrschte die japanische Presse über Monate hinweg. Das Urteil zum Tod durch den Strang ist bis heute umstritten, weil es für die Taten keine direkten Beweise gibt; das Urteil also ausschließlich auf einer Indizienkette basiert. Bereits vor dem Fall und offenbar bis heute pflegt Kijima einen Blog (from Kitchen to Kittchen, um es boshaft zu formulieren, allerdings trifft das thematisch tatsächlich so zu).
Beide Umstände ließen den Kriminalfall öffentlich sehr präsent werden, wobei der wichtigste Grund – man kann es sich schon denken – ihr Äußeres war.
Die „Konkatsu-Killerin“, Tokio, 2007
Große Teile der Medienlandschaft stilisierten Kijima während der Verhandlungen als „Konkatsu-Killerin“, in Anlehnung an die Methode: Konkatsu meint in Japan die ernsthafte, organisierte Partnersuche. Schon die Existenz dieses Begriffs lässt erahnen, dass zu einer guten Biografie Ehe und Kinder gehören. Für Frauen beginnt das Normalsein aber nicht erst am Traualtar, sondern gleich beim Frühstück: Wer in Japan auf Reisen geht, dem wird (allem voran natürlich in Tokio) auffallen, wie viele schlanke und modebewusste Frauen dort leben. „Man wunderte sich vor allem, wie es einer fülligen, nicht ausgesprochen schönen Frau wie ihr gelungen sei, so viele Partner von sich zu überzeugen“, schreibt die Japanologin Lisette Gebhardt auf literaturkritik.de über die damalige Reaktion vieler Medien.
Genau an diesem Punkt setzte die Autorin Asako Yuzuki an: Ihr Roman „Butter“ erschien 2017, international bekannt wurde er dann 2024 durch die englische Übersetzung und den anschließenden Hype in der Bookstagram-Blase. Yuzukis Protagonistin ist die Anfang-30-jährige Rika Machida, angestellte Journalistin in der Position einer Blattmacherin. Rika schreibt keine eigenen Geschichten, sondern stellt das Material schreibender Kollegen für ein Magazin fertig. Das heißt redigieren, lektorieren, funktionieren.
Rika ist äußerst effizient, und das offenbar in allen Belangen: Zu Beginn des Romans besteht ihre Nahrungsaufnahme primär aus Tütensuppe, garniert mit Garnichts. Die Verhaftung der Serienmörderin Manako Kajii könnte ihre erste eigene Geschichte werden, weil es Rika als einzige gelingt, mehr oder weniger echten Zugang aufzubauen.
Die Gespräche in der Haftanstalt sind der Haupterzählstrang. Kajii verweigert klare Motive, spricht aber ausgiebig übers Essen. Die mediale Hassfigur ist bekannt für ihre außergewöhnlichen Kochkünste. Während Rika glaubt, die Kontrolle zu behalten, dominiert eigentlich die Inhaftierte das Gespräch. Aus dem Interview wird Beziehung, aus der Recherche eine Selbstbefragung Rikas, die aus jeder Sitzung mit neuer Koch-Inspiration nach Hause geht. Sie beginnt den Kantinenfraß zu ersetzen und bestückt nicht nur ihren Kühlschrank, sondern auch ihren Kopf mit neuen Inhalten.
Protest – still aber beharrlich
Thematisch bearbeitet „Butter“ damit nicht nur Körperbilder, Wahrnehmung und Feminismus, sondern den Umgang mit gesellschaftlich auferlegter Disziplin, die Kontrolle des eigenen Verhaltens, sogar wenn gerade niemand hinsieht.
Yuzukis Sprache ist sinnlich und zugleich kontrolliert: Mit präzisen Beschreibungen von Geschmack, Geruch und Konsistenz legt sie dem Leser das Essen auf den Seiten fast schon auf die Zunge. Dieses begeisterte, ungenierte Essen ist in der Geschichte meistens ein Akt im stillen Kämmerlein – dann aber zunehmend unter Freunden.
Yuzuki behauptet nie, dass Essen politisch sei, zeigt aber sehr gelungen, wie viele unsichtbaren Regeln damit verbunden sind. Als Rika zum ersten Mal großzügig Butter verwendet, befolgt sie zwar ein Rezept, betreibt aber wortwörtlich fetten Protest. Exzellent, möchte man in die Küche rufen.
Aufbau Verlag, 442 Seiten. Übersetzung: Ursula Gräfe
