Es vergeht fast kein Tag, an dem in den Sozialen Medien oder auch in Film und Fernsehen nicht das ach so bekannte Stockholm-Syndrom genannt oder wirksam dargestellt wird. Mittlerweile wird aber stark angezweifelt, ob es dieses Syndrom überhaupt gibt.
Zwei Männer halten vier Geiseln in einer Bank gefangen. Während für die Geiseln die wohl schlimmsten Stunden ihres Lebens beginnen, versucht die Polizei draußen, besagtes zu retten. Doch sie begehen Fehler und schließen die Geiselnehmer schließlich mit den Geiseln in einen Tresorraum. Plötzlich kämpfen alle sechs ums gemeinsame Überleben. Als die Polizei letztlich den Raum stürmt, ruft eine der Geiseln: „Tut ihnen nicht weh, sie haben nichts getan!”
Geiselnahme von 1973
Es klingt wie ein Film und wurde letztlich mehr als einmal so ähnlich in Filmen und Serien dargestellt. Letztlich aber handelt es sich um einen echten Kriminalfall von 1973, der einen psychologischen Begriff geprägt hat wie kein anderer: das Stockholm-Syndrom. Benannt nach der Stadt, in der das Geiseldrama stattfand. Nils Bejerot, ein Polizeipsychologe, der damals an den Verhandlungen beteiligt war und die Geiseln betreute, prägte den Begriff anhand dieses einen Ereignisses.
Kristin Enmark, damals 23 Jahre alt, war eine der Geiseln und wird im Spiegel damit zitiert, dass sich nach der Geiselnahme keiner der Polizisten und Psychologen für ihr tatsächliches Befinden interessiert habe, sondern nur für dieses neue Syndrom. Enmark ist heute sogar selbst Psychotherapeutin.
Inflationäre Nutzung
Mittlerweile wird der Begriff fast schon inflationär verwendet. Er soll ausdrücken, dass Opfer von Geiselnahmen oder Missbrauch eine positive Bindung zu ihren Peinigern aufbauen. Aber: „Nichts deutet darauf hin, dass die Geiseln tatsächlich psychiatrisch gestört waren oder dass sie ein Syndrom entwickelt hätten. Das Stockholm-Syndrom war eine Erfindung, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass diese Frauen in dieser Situation rational gehandelt haben.” So wird Cecilia Ase, Professorin für Gender Studies an der Universität Stockholm, bei Euronews zitiert.
Sexistische Befragung oder Unwissenheit?
Und noch weiter: Die Professorin glaubt, das Stockholm-Syndrom sei ein „konstruiertes Konzept” mit dem das Versagen von Behörden und Staaten erklärt werden sollte. Die Aussagen der weiblichen Geiseln seien zudem von den Behörden “in einer sehr sexualisierten Dimension” interpretiert worden.
Überspitzt gesagt: Ein Mann interpretierte also den Überlebenskampf der mehrheitlich weiblichen Geiseln als Liebe und Sentimentalität, um die eigene Inkompetenz und die seiner Kollegen zu überspielen.
Allerdings muss man fairerweise sagen, dass die Geiselnahme mehr als 50 Jahre zurückliegt und es ein Leichtes ist, mit urteilendem Auge auf Vergangenes zu blicken.
Vorschaubild: Das Foto zeigt die ehemalige Bank, in der 1973 vier Menschen als Geiseln festgehalten wurden. Ihre Reaktionen auf die Täter prägten später den Begriff des Stockholm-Syndroms. Foto: Tage Olsin/Wiki Commons
