Netflix-Doku „The Verdict“: Der Fall Michael Jackson spaltet noch immer

Von

am

Trigger-Warnung: In diesem Artikel wird sexualisierte Gewalt, vor allem an Kindern thematisiert. Sollten dich diese Themen belasten, lies bitte nicht weiter. Solltest du Hilfe brauchen, kannst du jederzeit den Frauennotruf und das Hilfetelefon von Gewalt gegen Frauen unter 116 016 nutzen oder das Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch unter 0800 22 55 530. Hier erhältst du direkte und vertrauliche Unterstützung.

Es ist 2005. Ich bin 16 Jahre alt und im Fernseher sind immer wieder Berichte über den Prozess gegen Michael Jackson zu sehen. Die Bilder, wie er meist im schwarzen Anzug mit weißer Armbinde ins Gericht läuft, die Augen meist von einer Sonnenbrille verdeckt, habe ich auch heute noch gut vor Augen. 2005 stand er wegen des Vorwurfs des sexuellen Kindesmissbrauchs in Kalifornien vor Gericht. Im Laufe der Jahre habe ich zahlreiche Dokumentationen und Filme über Michael Jackson und dessen Familie gesehen. Glaube zu wissen, was sein Vater, Joseph „Joe“ Jackson, für ein Mensch gewesen sein muss, und wie schwer es die Familie, allen voran der kleine Michael, gehabt haben muss. Der kleine Michael, der zu einem der größten Popstars, wenn nicht sogar zum größten, werden sollte. Nannte man ihn doch schon zu Lebzeiten King of Pop. Dessen Persönlichkeit aber bis heute auf dem Prüfstand steht. Von den einen geliebt und verehrt, von den anderen als Täter gehasst.

Täter oder Opfer: Wer war Michael Jackson?

Doch da schwebten auch immer diese Vorwürfe über ihn. Hat er oder hat er nicht Kinder auf seiner Neverland Ranch misshandelt? Das behandelt jetzt auch eine neue Dokumentation von Netflix mit dem deutschen Titel „Michael Jackson: Das Urteil“ (Originaltitel: The Verdict). Zwar wurde er am 13. Juni 2005 nach einem viermonatigen Prozess in allen zehn Anklagepunkten freigesprochen, doch bis heute bleiben Zweifel an diesem Urteil. Nicht zuletzt auch, weil 1993 eine Familie 20 Millionen Dollar von ihm erhalten haben soll, um deren Missbrauchsvorwürfe gegen ihn fallen zu lassen.

Seit einiger Zeit schon vertrete ich vor allem bei sexualisierter Gewalt den Grundsatz: Ich glaube erstmal jedem Opfer. Viel zu oft wurde ihnen dieses Vertrauen verwehrt. Noch heute müssen sich Personen, die solche Taten erleiden mussten, gerade in der Öffentlichkeit einiges anhören und nicht selten wird ihnen kein Glauben geschenkt. Die Verurteilungsquote bei Erwachsenen in Deutschland zeigt dabei nicht, dass Opfer häufig lügen würden, sondern dass es beispielsweise zu wenig Beweise gibt oder etwa Aussage gegen Aussage steht oder dass der Täter zwar verurteilt wird, aber man dessen Leben nicht zerstören möchte, weswegen es mildere Strafen gibt. Die Laschheit der Strafen in Deutschland wird schon seit Jahren von vielen Menschen kritisiert. Auch ich wünsche mir härtere Strafen.

Nur 7,5 Prozent der Täter werden verurteilt

Die Tagesschau zitiert beispielsweise in ihrem Artikel „Warum werden so wenige Täter verurteilt“ den Kriminologen Christian Pfeiffer, der sagt, dass letztlich nur 7,5 Prozent der Täter verurteilt werden. Laut dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen ist diese Zahl sogar bundesweit rückläufig: „Vor 20 Jahren erlebten 21,6 Prozent der eine Anzeige erstattenden Frauen die Verurteilung
des Täters. 2012 waren es nur noch 8,4 Prozent“, schreibt sie in einer Presseerklärung.

Doch selbst wenn Täter verurteilt werden, kann von Gerechtigkeit längst nicht immer die Rede sein. Das zeigt beispielsweise ein Bericht der Zeit vom 10. Juni. Michael B. hat die Schwestern seiner Frau neunmal sexuell missbraucht, eine der beiden war zu diesem Zeitpunkt noch minderjährig. Seine Anwälte hoffen auf Verständnis: „Für Michael B., der unter ADHS leide, waren seine Taten ein Nervenkitzel, ein sexuelles Aufputschmittel. Er habe zum Zeitpunkt der Taten unter beruflichem Stress gelitten und ein Ventil benötigt, so seine Anwälte“, schreibt Die Zeit in einem Instagram-Post. Für den Richter war strafmildernd, dass die Taten lange zurückliegen und der Angeklagte eine Therapie begonnen habe. Als ob dies den Opfern helfen würde. Eine Aussage, die für Opfer einer weiteren Misshandlung gleichen kann und das Leid herunterspielt.

In Michael Jacksons Fall bringt die Netflix-Dokumention leider keine wirklich neuen Erkenntnisse. Zwar lässt sie den damaligen Staatsanwalt, Journalistinnen, ehemalige Angestellte der Jackson-Familie und Freunde zu Wort kommen, zeigt Aufnahmen der damaligen Ermittlungsarbeit, inklusive der Suche nach Beweismitteln auf der Neverland Ranch. Doch eine Antwort auf die Frage, ob er trotz Freispruch Kinder misshandelt hat, kann sie nicht geben.

Immer wieder entdecke ich mich dabei, wie es mir trotz meines Glaubenssatzes schwerfällt, eine Antwort zu finden. Damals glaubte ich dem Urteil der Jury. Heute sehe ich die Dinge differenzierter. Mein Kind wird nicht einfach bei einem erwachsenen Mann im Bett schlafen. Ich möchte hier nicht zu sehr ins Detail gehen, über die Beweismittel, die damals gefunden wurden oder was die befragten Kinder aussagten, aber es kommen durchaus Zweifel auf, ob alles so unschuldig war, wie damals von der Verteidigung und allen voran Michael Jackson dargestellt.

Der innere Zwiespalt

Doch warum hatte oder habe ich dennoch Zweifel? Weil ich Michael Jackson mochte. Ich mochte seine Art in Interviews, hatte geglaubt, seine merkwürdige Art stamme von seiner verpassten Kindheit, ein Kind gebliebener Erwachsener. Ich liebe noch heute seine Musik und ich halte ihn schlichtweg für ein musikalisches Genie. Das alles darf zutreffen und trotzdem kann der einstige King of Pop ein Täter sein. Denn leider haben uns hier nicht zuletzt auch Filme viel zu sehr geprägt. Es sind nicht immer die vermeintlich gruseligen Personen, denen man das Böse schon ansieht. Es sind sympathische, freundliche Personen, die es oft perfektioniert haben, im Alltag nicht aufzufallen und vor allem vertrauenswürdig zu wirken. Eines der wohl bekanntesten Beispiele: der Serienkiller Ted Bundy. Er galt als charmanter, hilfsbereiter Mann.

Jackson hatte vor allem eines: Geld, mit dem er sich Schweigen erkaufen und die besten Anwälte leisten konnte. Die Familien seiner vermeintlichen Opfer hatten dies nicht. Der Staatsanwaltschaft wurde im Nachhinein ein viel zu komplexer Fall vorgeworfen, der die Jury verwirrt haben soll.

Neue Klage wegen Kinderhandel

Wie muss es für die vermeintlichen* Opfer von Michael Jackson gewesen sein, als er freigesprochen wurde? Wie muss es für sie sein, mehr als 20 Jahre später die nächste Dokumentation über sie und ihre Vergangenheit zu sehen? Wie ist es für Michael Jacksons Familie und Kinder?

Während bei Netflix keine der Kinder, um die es damals ging, zu Wort kommen oder kommen wollen, sieht es in der Dokumentation „Leaving Neverland” von 2019 ganz anders aus. Im Mittelpunkt stehen zwei Männer, die damals den Vorwurf des sexuellen Kindesmissbrauchs gegen Michael Jackson äußerten. Es gibt weitere solcher Filme und Doku-Serien. Im Februar dieses Jahres reichten vier erwachsene Geschwister eine Klage wegen Kinderhandels gegen den Nachlass Jacksons ein.

Es ist nicht unüblich, dass Opfer erst viele Jahre später oder auch erst nach dem Tod der Täter über ihre schlimmen Erlebnisse sprechen können. Das ändert nichts an der Glaubhaftigkeit. Michael Jackson selbst kann sich nicht mehr äußern. Er starb 2009. Es bleiben die Aussagen der damaligen Kinder sowie der Verteidigungsversuche der Familie und Freunde Jacksons, aber auch dieses mulmige Gefühl im Magen.

*Es werden Aussagen wie „vermeintliche Opfer” genutzt, weil im deutschen Recht die Unschuldsvermutung gilt. Vor einem Urteil gelten daher Personen, die beispielsweise eine Anzeige erstattet haben, juristisch gesehen noch als „mutmaßliche“ oder „angebliche“ Geschädigte.

Vorschaubild: White House Photo Office/Wiki Commons

Entdecke mehr von SCHÖNFREMD

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen