Zwei Frauen stehen sich gegenüber, ihre Gesichter berühren sich fast, sie halten sich gegenseitig an den Armen fest. Dann fangen sie an zu singen. Doch der Gesang klingt nicht, wie man es vielleicht gewohnt ist. Denn was die beiden hier zeigen, ist sogenanntes Throat-Singing oder auch Kehlkopfgesang.
Liest man die Kommentare, ist alles dabei: Wie sehr der Gesang berührt und das auf eine ganz ursprüngliche Art, aber auch Kommentare, die das Ganze ins Lächerliche ziehen und diese Nutzer befinden sich leider sogar in berühmter Gesellschaft.
König Charles und Camilla lachen über Throat-Singing
Am 29. Juni 2017 waren König Charles und seine Frau zu Gast in Kanada, um den 150. Geburtstag des Landes zu feiern. Bei einer Willkommenszeremonie traten zwei Frauen mit dem traditionellen Gesang der Inuit auf. Sowohl Camilla als auch Charles können sich das Lachen nicht verkneifen. Dieses Verhalten sorgte medial für Kritik.
Auch ich habe den ersten Kehlgesang, den ich hörte, als befremdlich empfunden. Ich kannte diese Gesangsform schlichtweg nicht. Nicht jeder reagiert in einer für einen unbekannten Situation immer angemessen. Es gibt Menschen, die müssen in Stresssituationen oder bei Beerdigungen lachen. Zwar erwartet die große Mehrheit von einem royalen Paar wie König Charles und Camilla mehr, doch sind auch sie nicht davor gefeit, auch mal einen Fehler zu begehen. Dennoch war diese Reaktion falsch und zog die Inuit ins Lächerliche. Während ich den beiden keine Absicht unterstelle, ist es jedoch gesellschaftlich immer noch anerkannt, andere Kulturen für die eigene Belustigung und Bespaßung zu nutzen.
Kinderlieder als Zeichen für Alltagsrassismus
Das beginnt schon bei altmodischen Kinderliedern wie „Drei Chinesen mit dem Kontrabass”, indem sich letztlich über die chinesische Sprache lustig gemacht wird oder „Aramsamsam”. Das Wort an sich soll arabisch klingen, dabei ahmt man noch die muslimische Gebetshaltung nach. Damit wird schon im Kindesalter alles „Fremde” lächerlich gemacht.
Ganz aktuell sorgte ein Moment im ZDF-Programm Fernsehgarten für medialen Aufschrei. Moderatorin Andrea Kiewel wurden Pokémon-Karten aus vielen Ländern gezeigt. Eine japanische hielt sie für eine aus China. Das kann schon mal passieren, doch Kiewel blieb nicht dabei. Sie sagte: „Chinesisch! Ching Chang Chong.” Das ist schlichtweg Alltagsrassismus. Auch hier wird sich mit einem vermeintlich harmlosen Spruch über die Sprache lustig gemacht.
Indigene Influencer bieten Einblick in Kultur
In den sozialen Medien sind die Meinungen geteilt. Die einen werfen Befindlichkeiten vor, sei ja alles nicht so schlimm. Betroffene nutzen die Gelegenheit, um zu zeigen, dass dies für sie Alltag ist und ein vermeintlich nett gemeinter Spruch trotzdem verletzen kann. Dabei sind wir längst sehr viel multikultureller als es noch zu Zeiten der Entstehung der Lieder oder solcher Sprüche der Fall war, und mehr Rücksichtnahme ist längst überfällig.
Dies gelingt heutzutage nicht zuletzt auch durch die sozialen Medien. Zahlreiche indigene Influencer nutzen diverse Plattformen, um von ihrem Leben zu berichten. Inklusive anhaltender struktureller Benachteiligung der Ureinwohner diverser Länder.
Kehlkopfgesang als satanisch abgestempelt
Eine von ihnen ist Shina Novalinga. Auf sie aufmerksam geworden bin ich durch ein Video mit ihrer Mutter, indem sie Kehlkopfgesang üben und präsentieren. Durch solche Videos erlangte sie große mediale Aufmerksamkeit. Ihre Mutter, Carolina Novalinga, eine professionelle Kehlkopfsängerin, war eine von nur vier Frauen, denen das Kehlkopfsingen noch beigebracht wurde, um es für folgende Generationen am Leben zu erhalten. Wie viele Praktiken indigener Völker wurde auch diese von Christen als satanisch erklärt und verboten.
„Throat singing is important in our culture because it had almost been a lost tradition due to missionaries. We are now taking it back and passing it down to keep it alive”, sagt Shina in einem Vogue-Interview. „Throat singing allows us to connect with the sound of nature and the animals. It also allows us to connect with our ancestors, our soul and our voice.”
Kolonialismus und ermordete indigene Frauen
Durch ihre Bekanntheit wurde der heute 28-Jährigen ermöglicht, traditionelle Inuit-Kleidung als Modell zu präsentieren und ein Album mit ihrer Mutter aufzunehmen. Viel wichtiger sei ihr allerdings, anderen ihre Kultur näher zubringen. So zeigt sie auch traditionelles Essen, wie Beluga- und Karibufleisch, das gefroren gegessen wird. Währen das kommerzielle Fischen mancher dieser Arten verboten ist, dürfen Inuit sie jagen, weil sich deren Jagdverhalten stark von der kommerziellen Massentötung unterscheidet, es Subsistenzjagd ist und indigene Traditionen schützt. So wird beispielsweise nicht nur das Fleisch der Tiere genutzt, sondern auch das Leder und Fell für traditionelle Kleidung.
Beim Thema Essen gibt es noch mehr interessante Fakten, die die 28-Jährige teilt: Candy Salmon geht derzeit viral. Selbst bekannte deutsche Discounter hab den Trend aufgegriffen und bieten den Räucherlachs an. Dabei bleibt der Fisch meist am Stück und wird grob eingeschnitten, um ihn dann mit Ahornsirup zu kandieren. Ein süß-salziges Geschmackserlebnis soll das Ergebnis sein. Dabei wird eine Sache immer unter den Teppich gekehrt: „The viral candied salmon is nothing new to us indigenous people. We’ve been practising this tradition for thousands of years“, sagt Shina Nova in einem ihrer jüngsten Beiträge. In Novas Dialekt nennen man diese Art der Aufbereitung Pitsik.
150.000 Kinder in Heime verschleppt
Doch diese über Jahrzehnte entwickelten Traditionen im Einklang mit der Natur stießen bei den meist christlichen Siedlern des Landes auf wenig Verständnis. Shina Nova, wie sie sich bei Instagram nennt, nutzt ihre Reichweite daher auch, um über die dunkle Geschichte des Kolonialismus aufzuklären, wie Assimilationsinternate und vermisste und ermordete indigene Frauen. So wurden schätzungsweise 150.000 Kinder kanadischer Ureinwohner in kirchliche Heime verschleppt, um sie in die christliche Kultur zu zwängen. Misshandlungen und sexueller Missbrauch waren leider keine Ausnahme. 2015 wurden genau bei so einem ehemaligen Internat Hunderte von anonymen Gräbern entdeckt. Shina Nova nutzt ihre Reichweite, um international Aufmerksam darauf zu machen und so die Verantwortlichen Institutionen wie die katholische Kirche zur Rede zu stellen.
Shina Nova ist dabei eine von vielen indigenen Influencern, die zeigen, dass man sich mit sozialen Medien näherkommen, Vorurteile abbauen und etwas lernen kann, aber auch wie wir alle mit den Taten vergangener Generationen umgehen können und sollten.
Vorschaubild: Die Schauspielerin Charlotte Qamaniq und die Sängerin Alexia Galloway-Alaingaa, beide aus Kanada, mit indigenden Wurzeln und im Throat-Singing geschult. Foto: Rudolf H. Boettcher/Wiki Commons
