Indie-Rock von „Cliffords“ – Jung genug für die ganz großen Hymnen

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Über die Musiklandschaft der Briten und Iren hat mir mal jemand erklärt, dass man sie unbedingt der traditionsreichen Pub-Kultur danken müsse. Das klingt erstmal verdächtig (und hier berechtigt) nach Kneipenthese eines Ü50ers, ist aber sicherlich auch nicht falsch: In Kneipen werden die Kollegen, die letzte Trennung, der nächste Karriereschritt und nachher noch Heidegger diskutiert. Wo sonst könnte der Boden für so etwas wie „ehrliche“ Musik nahrhafter sein? Und anders als in Deutschland, wo meiner überschaubaren Erfahrung nach Musik meistens nur aus dem Lautsprecher tönt, gehört es bei den Iren dazu, dass aus Zuhörern irgendwann Musiker werden: „Je weiter du weg von den klassischen Touri-Pubs gehst, desto mehr wird der Musik zugehört und dann auch mitgemacht“, erzählte mir kürzlich meine Co-Autorin Rena, die in Maynooth studiert hat. „Da hast du dann den ganzen Pub singend.“

Dass Irland mit seinen schnuckeligen Schafen und seiner noch niedlicheren Bevölkerungszahl (7,4 Millionen, Norden und Süden zusammengenommen) eine unwahrscheinliche Dichte an grandiosen Musikern aufweist, wusste ich theoretisch. Praktisch habe ich das jetzt erst beim Stöbern auf Spotify erfahren. Auslöser war Renas persönlicher Nachruf auf Glen Hansard, und siehe da: Zwischen Van Morrison, Enya, U2 und Sinéad O’Connor, (in genau dieser Reihenfolge!) gibt es eine Menge Künstler, die gemessen an ihrer Qualität viel mehr Aufmerksamkeit verdienen. Und das könnte sich bei den „Cliffords“ auch gerade ändern:

Ein hervorragendes Beispiel für den hymnischen Sound und mein persönlicher Favorit aus der aktuellen Song-Auswahl.

Die irischen Newcomer stammen aus Cork, im Süden des Landes: Iona Lynch und Gavin Dawkins spielten im Vorort Ballincolling als Teenager, wie könnte es anders sein, in einer Garage. Wie Lynch im vergangenen Jahr dem Rolling Stone UK erzählte, trat die Band einige Jahre später beim „Battle of the Bands“ des University College Cork an und gewann sogar, obwohl die Sängerin diesen Auftritt rückblickend als schlicht und ergreifend“awful“ bezeichnet. Beim Wettbewerb lernten Lynch und Dawkins den Gitarristen Harry Menton und Keyboarder Locon O’Toole kennen. Zeitweise war auch Schlagzeuger Dan Ryan dabei.

Der ersten EP „Strawberry Scented“ von 2024 hört man die Jugend noch an, und das ist ein Kompliment: Herauszuhören meint man diese Mischung aus Unerfahrenheit und enormer Sensibilität, die man (nicht ich, aber Freunde) kurz vor dem Abi etwa bei Placebo für die eigentliche Hochkultur hielt.

Stilistisch vereint Cliffords Indie und melodischen Alternative Rock, als Vergleiche nennen Musikmagazine daher gerne The Cranberries und Wolf Alice. Ironischerweise äußerte sich aber Lynch erst im vergangenen Monat gegenüber New Music Express wie folgt:  „It’s funny, ever since we started as a band, basically every article has compared us to Wolf Alice. We’ve been listening to them for so long and they are such a big inspiration for us… but we were never 100 per cent sure why there was always the comparison.“

Und wirklich stimmig ist der Vergleich auch nicht, weil Cliffords mit dem Experimentellen und Atmosphärischen von Wolf Alice nur bedingt zu tun hat. Die Songs zeichnen sich durch große, auch sehr eingängige Melodien aus, dazu kraftvolle Gitarren und Refrains, die manchmal hymnisch werden. Lynchs Stimme klingt dabei verletzlich oder rau.

Will man die vier unbedingt einordnen, dann wäre der richtige Platz wohl am ehesten zwischen der fantastischen Melodramatik von Paramore und dem Rock von The Pretty Reckless – ergänzt natürlich um irische Melancholie. Unerwartet gut getroffen hat es, wer auch immer als „sillygoosefm“ auf Youtube unterwegs ist: „It’s giving Bruce Springsteen meets this really nostalgic 2000s indie vibe.“

Debütalbum angekündigt

Der Weg, über den Cliffords bekannt wurde, wirkt fast schon altmodisch. Die Band erlangte über Auftritte in der lokalen Musikszene regionale Bekanntheit, bis schließlich auch Musikmagazine auf Festivals (u.a. Glastonbury 2025) auf sie aufmerksam wurden. Währenddessen spielte aber auch Spotify eine Rolle, denn dort landete die Band durch die Hand von Redakteuren auf Editorial Playlists und wurde so einem Publikum auch außerhalb Irlands vorgestellt.

Und damit ist Cliffords jetzt an einem spannenden Punkt angekommen – denn die Phase, ein echter Geheimtipp zu sein, ist eigentlich überschritten: Die Bühne teilten sie sich in diesem Sommer schon mit Florence & The Machine und Mumford & Sons. Bei rund 42.000 monatlichen Hörern auf Spotify (Stand: August 2026) und mittlerweile einer zweiten EP („Salt of the Lee“) arbeitet Cliffords aktuell am Debütalbum. Gegenüber NME erklärten die Bandmitglieder, dass sie ihren Sound dafür noch stärker ausarbeiten wollen. Was tendenziell vielversprechend, aber im Ergebnis hoffentlich, hoffentlich nicht allzu erwachsen klingt. Der Erscheinungstermin steht noch aus.

Zur offiziellen Homepage geht es übrigens hier lang: cliffordsofficial.com

Vorschaubild: David Maynard Photography/Wiki Commons

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