Als Catelyn Stark die Augen schließt, ist es endlich geglückt. Der auf Stroh gebettete Leichnam eines Verwandten geht – so will es die Tradition – in Flammen auf. Das Außergewöhnliche an dieser Feuerbestattung: Der Tote Hoster Tully liegt in einem Boot, das einen Fluss hinunter treibt. Das zweite Außergewöhnliche: Zur Entzündung wird ein brennender Pfeil und ein Langbogen benötigt. Und jetzt, aller guten Dinge sind bekanntlich drei, das nächste Außergewöhnliche: Diese Szene ist rein fiktiv und entspringt der dritten Staffel der Serie „Game of Thrones“. In den ersten drei Versuchen scheitert Sohn Edmure, setzt alle brennenden Pfeile ins Wasser. Der Bruder des Verblichenen greift entnervt zum Bogen, legt an, blickt auf die Windrichtung, zielt – und trifft. Auf mehrere hundert Meter.
Jetzt braucht es nicht den Weg zurück ins Mittelalter, um Bogen schießen zu können. Heute ist auch die althergebrachte Art der Kriegsführung überholt. Statt Pfeilhagel gibt es Artilleriegeschütze. Statt Kampfmittel sind Pfeil und Bogen im 21. Jahrhundert mehr Sportgerät.
Comeback vor dem Scheunentor
Wie ich einst selbst zum Bogenschießen kam? Das entzieht sich meinem Gedächtnis. In der Jugend war das, als noch die Schulbank zu drücken war. Also jene Zeit, in der es keine Smartphones gab, sondern nur alte Klapptelefone der Marke Nokia. Der Druck auf den Internetknopf löste bei den Eltern am Monatsende eine dreistellige Rechnung aus. Also irgendwo zwischen Pausenhof-Kick und Wahlfach-Klausur kam der Bogensport in mein Leben. Der Rest ist schnell erzählt: Der Köcher wurde mit Studienbeginn an den Nagel gehängt. Jahre später das unverhoffte Comeback. Sowieso etwas Tolles im Sport, aber dazu an anderer Stelle mehr.
Meine Partnerin entdeckte die alte Ausrüstung im Haus der Eltern. Also eine provisorische Zielscheibe ans Scheunentor gehängt und Feuer frei. Nachdem etliche Pfeile im Gebälk neben der Zielscheibe einschlagen, kommt der elterliche Rat, man möge sich doch einen Verein suchen, um das Haus nicht weiter zu perforieren.
Gesagt, getan. Ein Schnuppertraining an einem Samstag später sind wir Mitglieder der örtlichen Feldbogengruppe.

Jetzt muss man beim Bogenschießen aber in verschiedene Kategorien unterscheiden. Das, was bei den Olympischen Spielen zu sehen ist, sind Recurve-Bögen. Meist mit Stabilisatoren, Visieren und anderem technischen Schnickschnack vollgepackt. Im Prinzip ist jeder Schuss ein Treffer trotz einer Zielentfernung von 70 Metern. Und dennoch gibt es auch hier Schützen, die nicht immer die gelbe 10 in der Mitte der Scheibe treffen. Spätestens jetzt erklärt sich, wieso der gute Edmure Tully das schwimmende Boot nicht auf Anhieb getroffen hat mit seinem Langbogen ganz ohne Visier. Der letztere ist die puristischste Art des Sports. Meist aus einem Stück Holz gefertigt, die Pfeile noch befiedert mit Federn.
Die Magie kommt in der freien Natur
Spannend wird der Sport, wenn er jagdähnlich ausgeübt wird. Scheiben sind nett. Zu Trainingszwecken, für Meisterschaften im Winter. Das echte Bogenschießen findet draußen statt. Im Feld. Im Wald. Auf Wiesen. „3D“ heißt das im Fachjargon. Dreidimensional deshalb, weil die Ziele lebensechte Tierattrappen sind. Vom stehenden Grizzlybär bis zum im Gras liegenden Reh kommt alles in die Schusslinie. Die Entfernung: Zwischen fünf und fünfzig Metern alles denkbar. Klar, der Schwarzkittel nicht auf fünf und andersherum der Steinkauz nicht auf 50 Meter.
Und Treffer ist nicht gleich Treffer. Es gibt drei möglicher Trefferbilder: Körper, Innen- oder Außenkill. Was martialisch klingt, ist es auch. Denn trifft man einen Innenkill, dann ist das Tier – wäre es aus Fleisch und Blut und nicht aus Hartgummi – augenblicklich tot. Herz, Lunge, andere lebenswichtige Organe sind dort zu finden. Beim Außenkill ist das Tier „nur“ schwer verletzt, aber noch nicht final erlegt. Der Körpertreffer hindert dann bei der Flucht, wenn der Pfeil etwa im Bein oder in der Hüfte steckt. Der Schwere des Treffers sind auch die Punkte zugeordnet: 20 für inneren Kill, 18 für den äußeren und 16 für den Körper. Sofern der Schütze den ersten Pfeil ins Ziel bringt. Drei gibt es maximal bei Turnieren in weitläufigen Parcours. Wer jetzt aufschreit ob der in diesem Sport steckenden Mitleidlosigkeit. Ja, für zartbesaitete Seelen ist das nichts, simuliert das Feld-Bogenschießen doch die Jagd aus ganz frühen Zeiten.

Das Faszinierende ist aber nicht der Umstand, dass man sich wie ein blutrünstiger Jäger fühlt, sondern die Intuition dahinter. Traditionell wird im Feld nämlich ohne Visier geschossen, ohne Lasermessung oder Infrarot-Zielsuch-Munition. Zugegeben, letztere gibt es nur bei Kampfflugzeugen. Der Zielvorgang läuft intuitiv: Blick aufs Ziel, Ausziehen, Ankern, Zielen, Schießen. Die Kunst dabei: Selbst abschätzen, wie weit das Ziel entfernt ist. Dementsprechend hoch oder tief wird natürlich angehalten. Ist man auf Parcours unterwegs, ergibt sich eine Mischung aus Wandertour und Schießsport. Biathlon ohne Schnee und Bogen statt Gewehr – wollte man es unbedingt mit einem anderen Sport vergleichen. 28 Ziele sind es in den meisten Fällen. Von der Ratte im Betonrohr bis zum ausgewachsenen Präriebüffel irgendwo in weiter Ferne.
Ein Moment der Konzentration
Kurioser Funfact: Da die Tiere aus Gummi sind, ist ihnen auch der passende Lebensraum egal. Krokodile, Eisbären, überdimensionale Bienen, ja sogar wiederauferstandene Dinosaurier können bejagt werden. Und das irgendwo im Schwarzwald oder auf der Schwäbischen Alb.
Der Effekt dieses Sports ist etwas, das die heutige Gesellschaft oft so vergeblich sucht. Ein Stück Ruhe, einen Moment der Abgeschiedenheit im smartphone-surrenden Alltag. Denn wer nicht bei der Sache ist, buchstäblich das Ziel aus den Augen verliert (und zwar wörtlich wie von der Konzentration her), der trifft in den meisten Fällen nicht. Zum Glück, da ist man wieder beim Mittelalter, muss ja im Ernstfall keine Horde anrennender Feinde mittels Pfeilhagel ausgeschaltet werden. Es wurmt aber doch, wenn man den riesenhaften Gummi-Grizzly nicht per Innenkill-Treffer niedergestreckt hat.
Vorschaulbild: Katja Fuchs, Beitragsbild: Sebastian Buck
