Dieser Rezension mag zwar die Begeisterung fehlen, trotzdem empfehle ich, dem Roman eine Chance zu geben – denn genügend haben den Bestseller aus 2023 geliebt. Die Hintergrundinformationen stammen aus einem Text, den die Autorin im Literary Hub veröffentlicht hat.
Was Marketing anbelangt, bin ich leicht zu köderndes Freiwild, und das habe ich mir im Frühjahr mit dem Kauf von Ann Napolitanos Roman „Hallo du Schöne“ mal wieder selbst bewiesen. Das Cover wird vom bunten Gemälde einer normschönen Frau geziert, außerdem ist der Titel bezaubernd. Das allein hätte mir schon gereicht, dazu kam dann aber noch die Empfehlung von Barack Obama, der den knapp 500-seitigen Roman vor drei Jahren auf seine Sommerleseliste setzte.
Persönlich kann ich die Hymnen auf Napolitanos viertes Buch aber nicht ganz nachvollziehen, was hoffentlich kein Ausdruck meines Verstands (man zweifelt ja sofort ob Baracks Lobhudelei) oder, noch schlimmer, meiner emotionalen Intelligenz ist. Tatsächlich ist das Drama lebensnah erzählt und dank seines Gegenstands bis in alle Ewigkeit relevant: Es geht um die liebe Familie.

Wer davon genügend gelesen oder im ungünstigen Fall selbst erlebt hat, weiß: Blut mag dicker sein als Wasser – ein ähnlich fester Kit können aber auch Kränkungen und Familiengeheimnisse sein. Davon erzählt Ann Napolitano am Beispiel der italo-amerikanischen Familie Padavano im Chicago der Siebzigerjahre.
Protagonistinnen sind die vier Schwestern Julia, Sylvie, Cecelia und Emeline, und ihr italienischer Haushalt entspricht dem, was einem aus TV-Serien vertraut ist: gutes Essen, Heiligenbildchen an der Wand, Lärm, Herzlichkeit – und das alles auf wenigen Quadratmetern. Im Zentrum dieses privaten Universums steht anfangs Mutter Rose. Sie meint es natürlich nur gut und ihre Ratschläge werden schon deshalb befolgt, weil alles andere zu anstregend wäre. Jede der Töchter hat einen ausgeprägten Charakter, pflegt eigene Hobbys und individuelle Gewohnheiten, sodass sich schon anfangs ein klares Bild abzeichnet: Julia organisiert, Sylvie liest, Cecelia malt, Emeline kümmert sich um andere.
Literarisches Vorbild aus dem 19. Jahrhundert
Als Vorbild für diese Geschwister diente Napolitano ein US-Klassiker des 19. Jahrhunderts. In Louisa May Alcotts „Little Women“ sind es ebenfalls vier Schwestern, die unterschiedliche Möglichkeiten verkörpern, als Frau durch diese Welt zu gehen. Die Parallelen sind unverkennbar (wer das Buch nicht gelesen hat, möge die jüngste Verfilmung von Greta Gerwig anschauen), sie waren aber Napolitano zufolge nicht das Grundgerüst des Romans. Erst während der Arbeit sei ihr bewusst geworden, wie deutlich die Padavanos an die March-Schwestern erinnern.
In „Hallo du Schöne“ lesen die Mädchen den Klassiker selbst und finden sich darin wieder. Das macht den Roman aber nicht durchdachter, im Gegenteil – das Familiengefüge und später auch die Ereignisse wirken mit diesem Wissen im Hinterkopf etwas konstruierter. Vergleiche mit dem sonntäglichen Tatort sind zwar gemein und thematisch unpassend – die Erfahrung ist dann aber doch vertraut: Jede zweite Wendung erscheint ein bisschen zu bemüht, zu erdacht, sodass man eigentlich längst ausgestiegen wäre, hätte man nicht dämlicherweise schon ein gewisses Interesse am Schicksal der Figuren entwickelt.
Eine weitere Inspiration für die Padavanos waren übrigens Schwestern, die Ann Napolitano aus ihrer eigenen Kindheit kennt. An ihnen habe sie besonders fasziniert, dass die Frauen innerhalb der Gruppe stärker sie selbst zu sein schienen als jede für sich allein. Das ist im Roman so erkennbar und durchaus interessant zu verfolgen.
Vater Charlie hält sich aus dem familiären Gewusel weitgehend heraus. Er liest Gedichte, trinkt gern und zu viel und begrüßt seine Töchter mit jenem „Hallo du Schöne“, dem der Roman seinen Titel verdankt. In der Ehe mit Rose, also schon während der Kindheit der Schwestern, zeigen sich innerfamiliäre Spannungen.
Charlies Zufriedenheit betrachtet Rose als charakterliche Schwäche. Bestärkt wird sie durch den Umstand, dass er tatsächlich Mühe hat, seine Familie finanziell über Wasser zu halten. Auf dieser Grundlage erzählt die Autorin dann einen weiten Bogen, der die Figuren bis in deren Fünfziger hinein begleitet. Übergeordnetes Thema ist das allmähliche Auseinanderdriften einst so eng verbandelter, fast schon symbiotisch lebender Menschen, beschleunigt durch ein paar (zu vielen) Schicksalsschlägen.
Was kümmert uns die Welt?
Der Verlauf der Handlung ist ironischerweise eng mit dem Schicksal eines Mannes verbunden: dem Basketballer William, dessen Begabung ihm ein Stipendium einbringt und damit die Rettung aus einem Elternhaus ohne Fürsorge. Julia verliebt sich in William, rückblickend betrachtet aber vor allem in das Leben, das sie mit ihm zu organisieren gedenkt. William wiederum verliebt sich in die Familie. Die daraus resultierenden Probleme liegen nicht nur auf der Hand, sondern werden permanent von einem unsichtbaren begleitet: Er leidet zeitlebens an einer schweren Depression, die von den anderen lange übersehen wird.
Vor dem Schreiben soll sich die Autorin intensiv mit sozialer Gerechtigkeit und Rassismus im US-amerikanischen Sport und speziell mit Basketball befasst haben. Im fertigen Roman ist von diesem Kontext aber kaum die Rede und der Sport bleibt hauptsächlich Williams persönlicher Zufluchtsort. Natürlich muss nicht jede Geschichte gleich einen Gesellschaftsroman hergeben – dass die Gedanken der Figuren aber ausschließlich ihrer eigenen, kleinen Welt gewidmet sind, macht das Buch leider ärmer denn intensiver, anders als von Napolitano vermutlich intediert. Stattdessen wirkt der Roman fast schon bieder, wenn die Frauen und William nur um sich selbst und an jeder gesellschaftlichen oder politischen Entwicklung vorbei kreisen.
Drei Perspektiven und doch nur eine Stimme
Die Kapitel folgen abwechselnd William, Julia und Sylvie, überschneiden sich zeitlich und betrachten die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven. Abwechslung entsteht daraus nur bedingt, weil die Erzählstimmen sich zu sehr ähneln. Und obwohl immer wieder größere Ereignisse geschildert werden (Kontaktabbruch, Liebe, Krankheit, ich will nicht zu viel erwähnen, einfach alles), erscheint die Geschichte phasenweise langatmig. Dabei hat die besondere Bedeutung von Tod und Trauer sogar einen biografischen Hintergrund, was das Schreiben einer negativen Kritik noch undankbarer macht. Napolitano begann im April 2020 mit dem Roman, kurz nachdem ihr Vater verstorben war.
Das ist vielleicht ein Grund für die große Dramatik, und möglicherweise hätte „Hallo, du Schöne“ mich ehrlich berühren können. Dafür hätte die Autorin beim Erkunden ihres Themas aber nicht jedes einzelne Hindernis einbauen dürfen, das einer Familie so rein theoretisch im Weg stehen kann. Eine Kaufempfehlung (für die günstigeren, gebrauchten Exemplare) spreche ich dennoch aus. Denn trotz allem ist Obamas Tipp keine schlechte Unterhaltung!
DuMont Buchverlag, 509 Seiten. Übersetzung: Werner Löcher-Lawrence
