T.C. Boyles „Blue Skies“: How to Klimawandel ignorieren

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Mitte Juli kam mir beim Verbrennen am See die Idee, T.C. Boyles „Blue Skies“ auf diesem Blog vorzustellen. Das war noch bevor Teile Spaniens und Frankreichs in Flammen aufgingen, die Infrastruktur teilweise lahm lag und Senioren in Krankenhäuser eingeliefert wurden. Selbst da erschien mir eine Gewohnheit noch völlig vertretbar, über die T.C. Boyle gleich einen ganzen Roman geschrieben hat: In der Buchhandlung weiträumig und absolut ungeniert am Thema Klimawandel vorbeilaufen. So mache ich das schon Jahrelang und werde im Herbst vermutlich wieder damit anfangen, weshalb ich „Blue Skies“ aus dem Jahr 2023 erst spät entdeckt habe.

Das vermeintliche Desinteresse hat mit mangelndem Verständnis für die Dringlichkeit nichts zu tun. Eher im Gegenteil, weshalb ich mir wenigstens angenehme Freizeitlektüre wünsche. Ganz ähnlich wie Boyles Protagonistin Cat Cullen, die vor dem Hintergrund eines absaufenden Floridas hochkonzentriert an ihrer Persönlichkeitsmarke auf Social Media feilt.

DPA-Fotograf Maximilien Lamy hat in Frankreich festgehalten, worum es in „Blue Skies“ geht: Wie lebt, liebt, arbeitet und urlaubt man, wenn die Welt dauerhaft brennt?

In Boyles Kalifornien einer nicht allzu ferner Zukunft beherrschen Dürre und Brände die Landschaft. Am anderen Ende der USA stehen die Häuser wegen des Hochwassers alle auf Stelzen. Das bringt im Alltag eine Reihe neuer Probleme mit sich, und während die Menschen keine echten Lösungen, dafür aber etliche work-arounds finden, sterben im Hintergrund unaufhaltsam die Insekten.

Orientierungslos im Paradies

Erzählt wird von einer typischen Familie aus der Mittelschicht. Der Vater Arzt, die Kinder erwachsen und halbwegs auf eigenen Beinen. Der Roman beginnt in Kalifornien mit Cat, Ende zwanzig oder Anfang dreißig, in einer Beziehung mit dem gut verdienenden Barcardi-Vertreter Todd und beruflich von einer beneidenswerten Offenheit für alle Möglichkeiten – also absolut orientierungslos. Schon auf den ersten Seiten wähnt man Cat als zukünftige Hausfrau, nicht zuletzt deshalb, weil ihr als nächster Schritt eine Influencerkarriere vorschwebt. In ihrem Paradies einer noch halbwegs intakten Welt schafft sie sich für dieses Vorhaben Willie an. Eine Python.

Blue Skies T.C. Boyle

Cats Bruder Cooper derweil ist Insektenforscher. Er beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem ökologischen Zusammenbruch, setzt sich mit Leidenschaft für den Naturschutz ein und sieht die Katastrophe ungeschönt kommen. Sein Problem besteht vor allem darin, dass Recht haben nicht sympathisch macht. Cooper wirkt auf andere belehrend, sodass eigentlich nur noch seine Mutter Ottilie auf ihn hört. Im Leben beider Geschwister stellen sich Beziehungsprobleme ein, außerdem werden beide durch extrem tragische Unfälle (kleiner Spoiler: und fahrlässiger Tötung) in physischem und metaphorischem Sinn einen beträchtlichen Teil von sich selbst aufgeben müssen. So verbindet die Geschichte das Genre des Klimaromans mit existenziellen Fragen, unabhängig der Umweltkrise.

Die übrigen Figuren werden von Boyle eher angerissen, ihre Persönlichkeit und ihr Alltag werden gelegentlich erwähnt, das lässt die Familie Cullen manchmal etwas konstruiert wirken – tut der Geschichte aber keinen Abbruch: Im Grunde zeigt Boyle, wie jeder von uns mit sich selbst beschäftigt ist, de facto resigniert hat, aber auch einen Restfunken Idealismus in sich trägt. Und das auch in einer Phase, in der die Natur mittlerweile gnadenlos zurückschlägt.

All dies erzählt der Autor in kurzen, wechselnden Szenen aus drei wechselnden Perspektiven (Cat, Cooper und Ottilie). Sprachlich ist der Roman trocken und nüchtern, obwohl von den großen Katastrophen eines menschlichen Lebens und der Welt erzählt wird, das macht beim Lesen enormen Spaß.

Ein Zukunfts- und ein Gegenwartsroman

Unangenehm auffällig ist, dass „Blue Skies“ kein klassischer Zukunftsroman ist. Tatsächlich wirkt unsere Gegenwart nur ein wenig nach hinten verschoben: Versicherungen sind teurer, weil Straßen häufiger unter Wasser stehen, Tiere verhalten sich anders als gewohnt, der Himmel ist an manchen Tagen weniger blau denn orange. Trotzdem muss man zwischendurch mal einkaufen gehen, sich mit den Eltern streiten und eine Beziehung gegen die Wand fahren.

Diese Gleichzeitigkeit von Krisenmodus und Alltag – die menschliche Fähigkeit, sich an beinahe jeden Umstand zu gewöhnen – ist Boyles großes Thema. Er selbst lebt übrigens in Montecito, Kalifornien: ein Kaff von rund 8000 Einwohnern, darunter Meghan und ihr Harry und überhaupt alle, die sich auch jeden anderen Ort leisten könnten. Die Gegend wird regelmäßig von Naturgewalten bedroht, zuletzt von Waldbränden und einer Schlammlawine.

Warum also ausgerechnet dort leben, möchte man nach der Lektüre fragen, um dann erstmal die Google-Bildersuche anzuwerfen. Und dann ahnt man schon auf den ersten Blick: Zwischen den paar Infernos könnte man‘s dort aushalten.

dtv Verlag, 397 Seiten. Übersetzung: Dirk van Gunsteren


Zum Autor: Tom Coraghessan Boyle wurde 1948 im Bundesstaat New York geboren und ist ein Rock’n’Roller der US-Literatur: Nach einer Jugend mit schlechten Noten, Band-Karriere und Drogen studierte und promovierte er in englischer Literatur. Bekannt ist er für schwarzhumorige Gesellschaftskritik und eine schnelle Sprache.

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