Auf Social Media hat sich über Jahre sehr unauffällig, und in den vergangenen Monaten dann doch immer sichtbarer, eine Welle aufgetürmt, die Hobby-Zeitgeistanalysten auf Instagram gerne „taste slop“ nennen. Gemeint ist, was uns im Namen des vermeintlich guten Geschmacks sekündlich neu auf den Screen gespült wird. Um dann ganz genauso auszusehen wie das Zeug ein paar Sekunden vorher.
In den erwähnten Reels wird wohl nicht zu Unrecht beklagt, dass Menschen, die von sich behaupten, an Design und Wohnen interessiert zu sein, eigentlich nur Trend-Opfer auf der immer gleichen, modularen Couch in Crème mit Bouclé-Kissen seien, mit Ausblick auf einen abstrakten Print und die Füße auf einem beigefarbenen Wollteppich. Wer schon einen Schritt weiter ist, entdeckt gerade Farbe (wegen der Individualität und so). Ich selbst tippe diesen Beitrag auf einem dunkelgrünen Samtsofa, das ich zirka 2020 in der Annahme gekauft hatte, ein außergewöhnliches Stück gefunden zu haben. In den Reddit-Annalen existiert heute der Begriff „Millennial Green Velvet Couch“. So viel dazu.
Was sich in den beigefarbenen als auch neuen „Colour pop“-Wohnzimmern wiederholt, ist die auffällige Dichte an Bauhaus-Möbeln. Sie (und der Vorwurf erwähnter Zeitgeistanalysten, ein Ignorant zu sein) begegnen einem inzwischen so häufig, dass sich zwei Möglichkeiten auftun: Das Mobiliar weiterhin ganz gut finden und einfach weiterwischen. Oder sich doch mal hinsetzen und etwas über Bauhaus lesen.
Bauhaus – kurz und noch knapper
Walter Gropius gründete das Bauhaus 1919 mit der Idee, Kunst und Handwerk zusammenzuführen. Später rückte dann auch die industrielle Fertigung in den Fokus, nicht nur in der Architektur, sondern in der Alltagsgestaltung. Nach 1945 traf das den Nerv der Zeit, weil (siehe Jan Gympels „Geschichte der Architektur“) monumentale Prachtbauten nun mit den Nationalsozialisten assoziiert wurden. Gefragt war stattdessen ein klarer Neuanfang, geradlinig und „ehrlich“.
Die bekanntesten Entwürfe sind heute die Sitzmöbel, weil sie sich gut in Serie produzieren ließen und dadurch schnell verbreiteten. Aus diesem Grund scheint uns insbesondere der Freischwinger aus quasi jedem Besprechungszimmer der Republik oder aber der „Cesca“ aus Pinterest als typisch Bauhaus. Daneben gibt es noch eine Reihe weiterer – wag ich’s zu sagen – „iconic“ Stühle.
Marcel Breuer: Wassily- und Cesca-Stuhl
Kolportiert wird, dass Breuer ein Fahrrad sah und dachte, das müsse auch als Stuhl gehen: Wassily entstand 1925 aus einem Stahlrohrgestell, bespannt mit breiten Lederbändern, die den Sitzenden stützen. Allerdings nur körperlich, emotionalen Support sucht man dann doch lieber zwischen den Lehnen eines echten Sessels, weshalb er in deutschen Wohnzimmern eine Seltenheit blieb. Auf Social Media ist er dafür sehr präsent.
Etwas später folgte Cesca, der dem Freischwinger von Breuers Bauhaus-Kollege Mart Stam ähnlich sieht. In Breuers Version ist das Stahlrohrgestell mit Wiener Geflecht bespannt, dadurch wirkt der Stuhl wohnlicher als die anderen Bauhaus-Sitzmöbel. Er federt nach und wirkt trotz Stahlgerüst immer noch warm. Im Alltag ist er bis heute eines der erfolgreichsten Bauhaus-Möbelstücke. Bei genauerem Hinsehen ist er in allen möglichen Filmen und TV-Serien zu entdecken.
Mies van der Rohe & Lilly Reich: Barcelona- und Brno-Stuhl
Der Barcelona-Stuhl kam 1929 auf eine ganz große Bühne. Mies van der Rohe und Lilly Reich entwarfen ihn für den deutschen Pavillon (speziell für die Königsfamilie) auf der Weltausstellung in Spanien: Edelstahlgestell, darauf dickes Leder und trotzdem der Eindruck von Eleganz. Man möchte auf ihm einen Espresso trinken und auf James Bond warten, weil man offenkundig der Böse ist.
Neben dem Barcelona-Stuhl hat van der Rohe auch den Brno-Stuhl erfunden. Der klassische Bürostuhl, auf dessen günstigeren Geschwistern in deutschen Besprechungsräumen wir alle schon geistig woanders waren. Er hat im Grunde dieselbe Form wie Cesca, also zwei Beine vorne, die im hinteren Teil des Stuhls auf dem Boden verlaufen.
Le Corbusier: LC2, LC3 und LC4
LC2 und LC3 stammen von Le Corbusier, Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand. Bei beiden Modellen ist der Stahlrohrrahmen außen, also sichtbar. Darauf liegen lose sehr dicke, meist schwarze Lederpolster. LC2 ist kompakt und kubisch, fast schon ein Würfel, LC3 etwas breiter und niedriger. Optisch verwandt, aber schlank und leicht, ist die geschwungene Liege LC4. Stufenlos verstellbar, wirkt sie wie eine Ledermatte auf gebogenen Schlittenkufen. Fühlt sich nachweislich(im Elternhaus meiner besten Freundin steht seit 30 Jahren ein gelungenes und ausgiebig getestetes Design Dupe) bequemer an als es klingt.
Nicht mehr Bauhaus. Aber noch ein bisschen.
Während Bauhaus rational und sehr asketisch war, entstanden in derselben Zeit moderne Gegenentwürfe. Denn während Bauhausmobilar vor allem darauf ausgerichtet war, unkompliziert in der Herstellung zu sein – die Form sich also mehr aus der Konstruktion und weniger aus dem Gebrauch, geschweige denn Dekor, ergab – verfolgten andere Designer (meistens) den Komfort: Der „Paimio“ sollte die menschliche Ergonomie berücksichtigen, der „Zig-Zag“ eine Idee (häufig keine gute Idee) und der „Bibendum“ allein schon optisch Wohlbefinden versprechen. Keiner dieser Stühle ist klassisches Bauhaus, trotzdem sollen sie in dieser Reihe auftauchen.
Der Paimio-Stuhl von Alvar Aalto entstand in den 1930ern für ein Tuberkulose-Sanatorium in Finnland. Aalto soll dabei an den Atemfluss der Patienten gedacht haben; die zurückgelegte Rückenlehne sollte das Lungenvolumen optimieren. Im Vergleich zu den Stahlrohrmöbeln wirkt der Paimio zwar wärmer und organischer – am Ende bleibt er aber eine geschwungene Pritsche.
Bibendum von Eileen Gray wurde aus offenkundigen Gründen nach dem Michelin-Männchen benannt. Der Stahlrohrrahmen ist typisch Bauhaus, die knautschigen Rundungen sind es nicht.
Last and (in meinem persönlichen Ranking) durchaus least: Der Zig-Zag-Stuhl von Gerrit T. Rietveld. Dieses Objekt steht im Geist von „De Stijl“, einer Stilrichtung, die unter anderem von Piet Mondrian inspiriert war. Statt Schnörkel und Individualismus war man auf der Suche nach Geometrie und Ordnung. Das resultierte in einen Mangel an Hinterbeinen und Erbarmen:
Und damit genug der Unbequemlichkeiten
Vorschaubild: Leticia Alvarez/Pexels
