Freunden und der restlichen Welt erzähle ich gern und ausgiebig von meinem guten Geschmack. In aller Regel wird das höflich toleriert, es sei denn, ernsthaft kultivierter Besuch schafft es nach Hause. Dort besitze ich ein Poster des Hamburger Grafikers und Illustrators Jonas Loose – einer meiner bislang besten Impulskäufe. Seine „Bubblegum Princess“ ist eine Kaugummi kauende Frau im Stil von Vigée-Le Brun, die im 17. Jahrhundert Marie-Antoinettes Hofmalerin war. Ein, zwei Mal durfte ich mir ob der Wahl schon einen knappen Kommentar anhören, deshalb wird Loose hier jetzt nachträglich und gebührend verteidigt.
Der Stil von Jonas Loose bewegt sich zwischen Pop-Art, surrealer Illustration, Vintage-Ästhetik und humorvollen Collagen. Typisch ist sein Kombinieren von Bildwelten, die nichts miteinander zu tun haben: klassische Malerei, frühe botanische Illustration, Werbefotografie und das, was man heute so bequem als Internet-Kultur zusammenfasst. Auf Instagram folgen ihm immerhin 20.000 Leute, was seine Bilder offenbar in der Konsequenz in das Sortiment jedes zweiten Postershops beförderte.
Techniken aus der Werbe- und Food-Photography
Wie seine Poster entstehen, erklärt Loose ebenfalls auf seinem Instagram-Kanal. Die Elemente (Lebensmittel, Pflanzen, Alltagsobjekte) fotografiert er teilweise selbst in einem kleinen Studio. Dabei hilft ihm seine Erfahrung in der Food-Photography: Licht und Perspektive müssen so abgestimmt sein, dass die Objekte sich später am Rechner ausschneiden und glaubwürdig kombinieren lassen, einschließlich der Schatten. Das Ganze dann so lange, bis der Donut am Zweig aussieht wie Evas Apfel vor der Vertreibung.
Mit dieser Herangehensweise hat Loose eine ganze Reihe an poppigen Collagen erschaffen: Die besten Bilder zeigen im Hintergrund die Gegenwart und zitieren im Vordergrund Alte Meister, zum Beispiel Botticellis Venus im Gummipool oder Pizza- und Donut-Zweige im Stil von Redouté.
Auf seiner Homepage konzentriert sich Loose übrigens auch auf japanisch inspirierte Pop Art, auf Pflanzen, Aquaristik und Wohnkultur. Alternativ lohnt sich natürlich der Blick auf seinen erwähnten Instagram-Kanal.
„Slay all day“: Hier jetzt weniger
Um vor den Snobs aber ein bisschen Restwürde zu bewahren, jetzt doch noch Kritik: Einige Poster sind durch und durch reizlos, weil sie wirken, als seien sie lieblos und zügig gemacht. Was nicht immer bedeutet, dass die Arbeit tatsächlich schnell erledigt wurde – dennoch: mit Floskeln beschriftete Gemälde („Slay all day“, „Don’t be a dick“ oder Miley Cyrus‘ „I can buy myself flowers“) sind… okay. Abkaufen würde ich ihm aber maximal ein „Today I was lazy but I have Rechnungen to pay“.
Vorschaubild: Die Geburt der Venus (Sandro Botticelli)
