„Oh wie schön das Leben is“ von Felix Kramer: Altersweisheit eines 28-Jährigen

Von

am

Der Titel hat offensichtlich ein kleines Imageproblem. „Oh wie schön das Leben is“, auf dem Cover kombiniert mit Zuckerwatte im Wiener Prater, das klingt verdächtig nach Seniorenbusreisegruppe. Dabei haben wir es hier mit dem Album eines zum Erscheinungsdatum 28-Jährigen zu tun, dessen Musik und Texte so nuanciert sind, dass er dieser Plattitüde Bedeutung doch tatsächlich schenkt: Nach 12 Songs in nur 36 Minuten fällt einem wieder ein, was das Leben auf all seinen Höhen so zu bieten hat. Von Aufbruchsstimmung mit gesundem Realitätsbezug („Donau“) bis zur selbstbedauernden Resignation („Sie“) ist alles dabei.

Felix Kramer, 1994 in Wien geboren, ist kein Wunder aus dem Kinderzimmer, sondern musikalisch ausgebildet: In Wien hat er klassische Konzertgitarre studiert. Sein Auftreten hat etwas Gestriges, denn die Wurzeln seines Stils – die österreichische Chanson- und Kaffeehauskultur – sind in Deutschland längst nicht mehr jedem geläufig.

Musik, schön von Gestern

Zu seinen Vorbildern gehören neben Ludwig Hirsch auch Leonard Cohen und Jacques Brel, wie er in Interviews erzählt hat. Und auf „Oh wie schön das Leben is“ 2023 nicht zum ersten, aber bislang leider zum letzten Mal betont hat.

Foto: Phat Penguin Records

Die Gitarre und sehr zurückhaltende Elektronik wirken einfach und leicht, aber dank der Texte nicht profan. Das Album versucht nicht krampfhaft auf der Höhe einer Zeit zu sein, in der ohnehin schon so vieles um Aufmerksamkeit bettelt – gerade das macht Kramer beim ersten Hören zu einer so angenehmen Überraschung.

Wirklich schön ist, dass er nicht nur vom Beschädigtsein singt, sondern auch ganz praxisorientiert vom Alltag danach: Mit „Deine Gründe“ öffnet er das Album mit Rechtfertigungen für Lebensentwürfe, und was sich Menschen selbst alles so erzählen (müssen). „Ich bleib sitzen“ ist dann die konsequente Verweigerung gegen die Zumutungen der Hustle-Culture. Dass dieser Rückzug aber nicht weltabgewandt ist, besingt er dann im letzten, titelgebenden Song.

Verzeihliches Genuschel

Ein paar Schwächen hat „Oh wie schön das Leben is“ natürlich auch Schwächen. Wer in diesen Liedermacher-Stücken irgendwann auf ein Feuerwerk hofft, auf das eine Lied, das der Platte den aufregenden Dreh gibt, wartet bis zum Ende: Manchmal schleicht das Album einfach nur vor sich hin. Und ein wenig, das kommt beim Hören sehr auf die Tagesform an, können im Wiener Schmäh genuschelte Altersweisheit eines Ende-20-Jährigen auch mal nerven.

Aber des muass ma oifach a bissl aushoitn könn, denn das Leben, Achtung Plattitüde, ist schließlich auch nicht immer ein Wunschkonzert.

Vorschaubild: Phat Penguin Records

Entdecke mehr von SCHÖNFREMD

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen