Dolly Parton war eine Erscheinung. Wer sie in Videos oder gar live sah, dem strahlte ein breites Lächeln entgegen. Dann war da diese lange, wilde, blonde Mähne, das auffallende Make-Up, die langen Nägel und ja, auch die große Oberweite und die stets mit Strasssteinen besetzten Outfits. Aber warum kommentiere ich 2026 noch den Körper einer Person? Weil es Dolly Parton seit jeher selbst tat und das mit einer Selbstverständlichkeit und mit viel Humor. Sie machte keinen Hehl daraus, dass die Wimpern, Nägel und Haare nicht echt waren und dass sie zahlreiche Schönheitsoperationen hinter sich hatte. Gegenüber der britischen Times soll sie gesagt haben: „Nichts an mir ist echt, aber alles kommt von Herzen“. Mit dieser humorigen und herzlichen Einstellung zu ihrem Aussehen, aber auch zu ihrem Ruhm, katapultiere sich die Sängerin und Songwriterin in die Herzen ihrer Fans.
Für viele kam die Nachricht über ihren Tod am 25. August dieses Jahres unerwartet. Ihre Krebserkrankung und damit den Grund für ihren Tod hielten ihre Familie und sie geheim. Auch das war Dolly Parton. Seit etwa 1967 war die US-Amerikanerin nicht mehr aus dem Showbusiness wegzudenken. Wer so lange in diesem Geschäft arbeitet, weiß, welches Image man haben möchte und was sich verkauft. Dolly Parton war eine kluge Geschäftsfrau und hat dies über die Jahre immer wieder bewiesen. Große Negativschlagzeilen blieben aus, dazu gehörte eben auch ihre Erkrankung und ein Großteil ihres Privatlebens. Denn so offen die 80-Jährige auch wirkte: Was nach außen drang, hatte sie in der Hand.
Ihr ansteckendes Lachen, ihre lockeren Sprüche, aber auch ihr großes Herz werden wir nicht mehr live erleben können. Was aber bleibt, sind ihre Lieder, davon soll es sogar noch neue geben, und ihren Einfluss auf Generationen nach ihr. Dolly Parton war mehr als eine Country-Ikone, denn sie nutzte seit jeher ihren Erfolg, um anderen etwas zurückzugeben. Hier hieß es bei ihr dann allerdings weniger ist mehr: Nicht etwa, was das Geld anbelangt, sondern die Aufmerksamkeit der Presse. So manch ein Projekt wurde still und heimlich mit einer großzügigen Spende unterstützt.
Country-Ikone ist nicht nur für ihre Musik bekannt
1988 gründete sie die Dollywood Foundation. Diese Stiftung setzt sich in Partons Heimatbezirk, Sevier County, Tennessee, dafür ein, Bildungschancen für Kinder zu verbessern. 1996 folgte die Imagination Library. Ein Programm, das Kinder von Geburt bis zum fünften Lebensjahr jeden Monat kostenlos Bücher zur Verfügung stellt. „I think deep down inside, my daddy was prouder of [the library] than he even was of my career,“ wird sie von BBC zitiert. In den USA gestartet, gibt es das Programm mittlerweile auch in Kanada, Großbritannien, Australien und Irland. Noch weniger bekannt ist, dass sie medizinische Forschung finanzierte, die letztlich zu einer der ersten Covid-Impfungen (Moderna) führte. Auch Opfern von Wald- und Flächenbränden griff sie finanziell unter die Arme oder half mit der American Eagle Foundation der Bewahrung des amerikanischen Nationaltieres, dem Weißkopfseeadler.
Das waren nur einige Beispiele ihrer Großzügigkeit. Im Netz kursieren zahlreiche andere, von denen man teils nicht weiß, ob sie stimmen – man kann sie sich allerdings allesamt vorstellen. BBC zitiert die Ikone: „When I’m done, I can rest in peace knowing I’ve done my best“, und weiter „I hope that when my time comes, I’ll leave something behind that others can use to lift themselves up.“
Als Dolly-Fan kann ich sagen: Sie hat genau das geschafft. Denn allein Partons Musik bleibt zurück, inspiriert zahlreiche andere Künstlerinnen und Künstler und sorgt noch heute für Emotionen. Da wäre beispielsweise ihr Hit „Jolene“. Ich glaube, es gibt so viele Cover dieses Songs wie Sand am Meer. „Island in the Stream“, den sie mit Kenny Rogers sang. 1980 erschien ein weiterer Klassiker, der auch heute noch Go-To-Song ist, wenn man Videos über Arbeit mit Musik hinterlegen möchte: „9 to 5“ kann vermutlich jeder mitsingen.
Das gilt auch für ihren wohl größten Hit, den sie zwar selbst auch sang, aber der erst durch eine andere Sängerin zu einem Welterfolg wurde: „I will always love you“. Gesungen haben ihn keine andere als Whitney Houston, außerdem jede und jeder, die beim Karaoke-Abend zu tief ins Glas schauen und dabei zu viel Selbstbewusstsein tanken (ja, ich bin keine Ausnahme). Übrigens, diesen Hit schrieb Parton am selben Tag wie „Jolene“, einem Nachmittag im Jahr 1973. Wirklich erfolgreich wurde der Song 1992 mit dem Film „The Bodyguard“ mit Kevin Costner und eben Whitney Houston.
Der Text handelt dabei nicht von einer großen romantischen Liebe. In „I will always love you“ verarbeitet sie die berufliche Trennung ihres Mentors Porter Wagoner, der ihr einst zum Durchbruch verhalf. 1973 wollte die damals 27-Jährige solo weitermachen, doch wie sollte sie es Wagoner mitteilen? „How am I going to make him understand how much I appreciate everything, but that I have to go? „I thought, well, what do you do best? You write songs. So I sat down and I wrote this song“, sagt sie gegenüber BBC. Mit den Worten, das ist der beste Song, den du je geschrieben hast, und der Bedingung, dass er ihn produzieren würde, ließ er Parton gehen.
Ein Jahr später wollte ihn sogar Elvis Presley covern, doch Manager Colonel Tom Parker verlangte, dass Parton Presley die Hälfte der Songschreiberrechte übertragen sollte. Das musste Parton ablehnen. Für den Film Bodyguard soll es Kevin Costner gewesen sein, der Partons Hit vorschlug. Der Rest ist Geschichte.
Der nächste Song kommt 2046
Ihr aktuell letztes veröffentlichtes Lied ist ein Duett mit U2-Sänger Bono, das die beiden im Juni aufnahmen und auf dem U2-Album „Carneval de Luz“ erscheinen soll. Geplante Veröffentlichung ist November. Im September schien noch „Bound to Ride“, der erste posthume Song auf dem Tribute-Album „Where the Soul Never Dies“. Es werden allerdings nicht die letzten Songs der Country-Sängerin bleiben, denn bereits 2015 nahm sie einen geheimen Song auf. „Dream Box“ liegt in einer Box in dem Themenpark „Dollywoods DreamMore Resort“ und wird bis zu Partons 100. Geburtstag verschlossen bleiben. Bis zum 19. Januar 2046 muss man sich auf dieses Lied also noch gedulden.
Nicht länger warten, müssen wir auf den Streit um Partons Nachlass. Traurig aber wahr, nur ein Monat nach ihrem Tod soll ein Streit zwischen Manager Danny Nozell und Neffe und Sicherheitschef Bryan Seaver eskaliert sein, schreibt der Rolling Stone. Das Magazin spricht von einer einstweiligen Verfügung, von Drohungen und dem Streit um Markenpartner, private Sicherheitsunternehmen und angebliche Waffengeschäfte im Milliardenbereich. Die Auseinandersetzung soll allerdings schon vor ihrem Tod begonnen haben. Laut Frieda Parton, eine von Dollys Schwestern, soll es jedoch keine Fehde innerhalb der Familie geben: „No one among the Parton/Owens family is fighting over Dolly’s estate“, verkündete sie über Instagram. Ein Versuch, das makellose Image der Country-Ikone und deren Unternehmen aufrecht zu halten? Es wäre nicht das erste Mal, dass Geld, eine Familie entzweit.
Vorschaubild: Curtis Hilbun/Wiki Commons
