Nicht jeder hat ein Gespür für Kunst, nicht jede liebt es, Museen zu besuchen und stundenlang Kunstwerke zu betrachten. Und nicht jede Künstlerin und Künstler hat die Möglichkeit, ihre Kunst einem großen Publikum zu zeigen. Die Sozialen Medien haben dies jedoch geändert. So bieten sie passend zum derzeitigen Medienkonsum in kurzen Videos Einblick in Entstehungsprozesse, Techniken und die Künstler selbst.
Ich selbst schätze Kunst jeder Art, aber bin keine Expertin und eher eine Schnellkonsumentin, wenn es um Museen geht. Durch die Sozialen Medien bin ich jedoch auf einige Künstlerinnen gestoßen, die in großen Ausstellungen vermutlich keine Chance erhalten hätten und nun über die ihr Handwerk präsentieren.
Eine von ihnen ist Katharina Raab. Sie ist seit etwa sechs Jahren eine Miniaturkünstlerin und zeigt ihre Kunst unter anderem bei Instagram und TikTok (Username: katharinahandmade). Aufmerksam geworden auf sie bin ich durch ihren Koffer. Seit etwa einem Jahr baut sie einen alten, zerfledderten Koffer, den sie für fünf Euro auf einem Flohmarkt erstanden hat, in eine Gruselvilla um. „Sein Innenleben wird Stück für Stück zu einer Hexenvilla“, schreibt Raab auf ihrer Homepage. „Ein irres Wimmelbild, inspiriert von Kindermärchen, Spukgeschichten, Walter Moers, der Addams Family und sonstige Einfälle meines Gehirns.“ Die Addams Family gruselt und begeistert mehrere Generationen seit 1930. Mit der Netflix-Serie Wednesday eröffnete sich eine neue Fanbase.
Walter Moers hingegen wird den meisten zunächst ein Begriff sein durch seine wohl bekannteste Erfindung: der Figur Käpt’n Blaubär. Die hat so gar nichts mit der Hexenvilla von Raab zu tun. Moers hat sich jedoch auch als Schriftsteller und Illustrator einen Namen gemacht. Und zeigt in seiner Arbeit nicht nur Talent für lustige Comics, sondern auch für Horror und Grusel. Ganz nach Raabs Geschmack. Ihre liebste Inspiration ist dabei der Fantasy-Roman von Moers, „Der Schrecksenmeister“: Im Mittelpunkt steht ein katzenartiges Wesen, das Krätzchen Echo, das sich aus den Klauen des Schrecksenmeisters befreien muss.
In liebevoller Handarbeit nutz die Künstlerin beispielsweise alte Pillenblister, um einen Spiegel für einen Hexenbesen zu erstellen oder Zahnstocher für einen kleinen Tisch. Bei Katharina Raab gibt es keinen Müll, denn jedes noch so kleine Plastik- oder Holzteil kann einen neuen Nutzen erhalten. „Alles, was meinem seltsamen Gehirn einfällt, kann ich in meiner Kunst umsetzen“, sagt sie in einem ihrer Videos. In diesem hat die 27-Jährige in eine Schublade eines Schreibtisches ein Loch-Ness-Monster gebastelt. Der Kopf des Monsters nicht mal so groß wie ein Stecknadelkopf. „Wenn man in so einem kleinen Maßstab arbeitet, dann ist ein Millimeter Unterschied oft schon sehr sichtbar“, erklärt sie dem NDR 2005 (Mini-Kunst mit Pinzette und Zahnstocher: Studentin begeistert auf TikTok). Was nicht fehlen darf, sind die Voiceover der Bühnenbild-Studentin. Damit sind wir beim nächsten Grund, warum ihre Videos so beliebt sind: ihre Stimme. Sie legt sich wie eine Decke über die Zuhörerinnen und Zuhörer.
Erfolg auf Social Media
Katharina Raab hat bei Instagram mittlerweile fast 485.000 Followerinnen und Follower und bei TikTok fast 330.000. Damit finanziert die Hannoveranerin ihr Studium, aber vermutlich wird sie mittlerweile darüber hinaus ein nettes Taschengeld erhalten. Denn ihre Follower-Zahl wächst. Zurecht, denn nicht nur bringt sie Kindern wie Erwachsenen die Miniaturkunst näher. Sie erfreut durch ihre positive, warme Art und erfrischt mit ihren Videos den teils so deprimierenden Alltag. Nicht zuletzt, weil sie ihre Videos immer mit einer digitalen Umarmung beendet: „Fühlt euch umarmt, wenn ihr möchtet“.
Vorschaubild: Markus Heft (Pressefoto via yilmazhummel.com)
